Oberhausener Schüler üben Debatten-Kultur

Lehrer Rouven Trojahn erklärt den Schülern die Aufgabenstellung. Seit mehreren Wochen beschäftigen sich die Elftklässler mit Grundrechten.
Lehrer Rouven Trojahn erklärt den Schülern die Aufgabenstellung. Seit mehreren Wochen beschäftigen sich die Elftklässler mit Grundrechten.
Foto: Ulla Emig/ FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Lehrer Rouven Trojahn spricht an der Gesamtschule Weierheide über Aktuelles. Die achte und elfte Klasse beschäftigen sich mit Grundrechten und Islam.

Oberhausen.. Meinungsfreiheit, Gleichheit vorm Gesetz, Religionsfreiheit – Werte, die eine demokratische Gesellschaft ausmachen. Werte, mit denen sich Schüler der Gesamtschule Weierheide in Oberhausen in den letzten Wochen angesichts von Terror und Pegida-Diskussionen intensiver auseinandersetzten. Deutsch- und Sozialwissenschaftslehrer Rouven Trojahn sprach mit seiner achten und elften Klasse über die Anschläge von Paris, Vorurteile und aktuelle Themen rund um den Islam-Diskurs.

„Für uns ist Religion oftmals nicht so wichtig“, sagt Tim Weißenfels. „Vielleicht können wir deswegen nicht so gut nachvollziehen, wieso manche Dinge verletzend für andere sind.“ Der 14-Jährige kommt nach der Deutschstunde zu Klassenlehrer Trojahn. Die vorangegangene Diskussion der achten Klasse wollte er nicht mit dem Pausengong beendet wissen. Es besteht Gesprächsbedarf.

„Wo soll das noch hinführen?“

Tim und seine Mitschüler haben über das Verbot des Kölner Karnevalswagen gesprochen, auf dem ein Zeichner abgebildet werden sollte, der mit seinem Bleistift im Sinne der Presse- und Meinungsfreiheit einem Terroristen entgegentritt. Außerdem diskutierten sie über die Entscheidung des Aldi-Konzerns, einen Seifenspender mit einer Moschee auf dem Etikett aus dem Sortiment zu nehmen. Muslime hatten sich beleidigt gefühlt, ihr Gotteshaus auf einem WC-Gegenstand abgebildet zu sehen.

„Wo soll das noch hinführen“, fragt eine Schülerin, „wenn man sich wegen einer Seife in seiner Religion beleidigt fühlt.“ Eine muslimische Mitschülerin geht sofort in Verteidigungshaltung. „Wenn eine Bibel abgebildet wäre, würdet ihr euch doch auch aufregen.“ Kopfschütteln bei vielen. Schnell fallen die Worte „die“ und „wir“ – den Schülern ist anzumerken, dass es ihnen schwer fällt zu akzeptieren, dass es zwei Meinungen gibt.

Die eine Antwort gibt es nicht

Die eine Seite versteht die Aufregung und heißt den Schritt des Discounters gut, die Ware zurückzuziehen. Die andere hat kein Verständnis. Die eine Antwort gibt es nicht. Trojahn fragt: „Wieso schlägt das Thema hohe Wellen?“ Ein Schüler meldet sich: „Man regt sich auf, dass so etwas andere aufregen kann.“ Unverständnis.

„Was hier gerade passiert, geschieht im Großen auch in unserer Gesellschaft“, sagt Trojahn. Die muslimischen Mitschüler verteidigen einen Protest, der im Grunde nicht ihr persönlicher war oder ist. Tim schlägt vor: „Mit so einem Thema muss man einfach behutsamer umgehen.“ Hier scheinen sich die Schüler einig.

Auch wenn sie nicht auf einen Nenner kommen, sich allein mit der Thematik offen auseinander zu setzen, findet Trojahn wichtig. „Einfach nur zu sagen, jetzt regt euch doch nicht so auf, reicht nicht“, sagt der Lehrer.

Trojahns elfte Klasse beschäftigt sich im Sozialwissenschaftsunterricht mit dem Grundgesetz. Die Schüler sollen eine Prioritätenliste erstellen. Die Aufgabe: 18 Grundrechte auf neun kürzen und in eine Reihenfolge nach Wichtigkeit bringen. Ihnen fällt die Gewichtung schwer. „Das kann man schlecht einteilen“, sagt ein Schüler, „dass sind alles Sachen die man braucht und die wichtig sind.“ Und die nicht immer in kompletten Einklang zu bringen sind.

Wo sind Grenzen der Meinungsfreiheit, ab wann müssen Gruppen oder Personen vor Beleidigungen geschützt werden? Auch hier gibt es die eine Lösung nicht. Bei einem sind sich die Schüler aber sofort einig: Vor dem Gesetz ist jeder gleich. Dieses Grundrecht steht bei allen ganz oben auf der Liste.