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Nur nicht bange machen lassen

14.05.2009 | 19:11 Uhr
Nur nicht bange machen lassen

Manche Arbeitgeber bilden trotz angespannter Konjunkturlage kräftig aus.

Zähne zusammenbeißen ist inzwischen Klaus Wehlings leichteste Disziplin. Doch was der Oberbürgermeister an diesem Tag über die Bühne bringen muss, ist hart an der Schmerzgrenze: Kurz nachdem ihm die Bezirksregierung auch noch die letzten Lehrstellen gestrichen hat (siehe oben) geht das Stadtoberhaupt auf Tour, um bei Betrieben für mehr Ausbildung zu werben. Der Verwaltungschef muss vorbildlichen Arbeitgebern lächelnd die Hand schütteln, wohl wissend, dass sein Laden derzeit wahrlich nicht als Vorbild dienen kann.

Zu den Vorzeige-Unternehmen, denen Wehling sowie Vertreter von IHK, Kreishandwerkerschaft und Agentur für Arbeit gestern einen Besuch abstatteten, zählen das Sanitätshaus Willecke und die Tischlerei Deflieze. Unter den neun Mitarbeitern in der Osterfelder Werkstatt sind drei Lehrlinge. Wer in Tagen wie diesen so viel ausbildet, dem ist ungläubiger Applaus sicher.

Helmut Deflieze wischt das Staunen mit seiner kräftigen Handwerkerhand weg. „Wenn man vernünftig ausbildet, hat man die Kosten im Laufe der Lehre wieder drin”, sagt er, und Klaus Wehling wünscht sich wahrscheinlich, jemand von der Bezirksregierung stünde in diesem Moment neben ihm und vernähme die Worte des Meisters.

Dass es keine leeren Worte sind, sieht man an Matthias Jungelen. Der 28-Jährige hat als Schülerpraktikant bei Deflieze angefangen. Inzwischen ist er Meister und eine Stütze des Betriebs. Jungelen ist natürlich ein Paradebeispiel, aber Deflieze hat auch sonst positive Erfahrungen mit seinen Azubis gemacht – was wahrscheinlich auch an dem gutmütig-gelassenen Geschäftsführer selbst liegt. In das Klagelied über miese Bewerber, die noch nicht mal den Dreisatz beherrschen, mag Deflieze jedenfalls nicht einstimmen.

Der Tischler gibt sogar denen eine Chance, die erst auf Umwegen in Ausbildung kommen: Im Herbst wird ein weiterer junger Mann in der Werkstatt anfangen. Er hat schon zweimal eine Lehre geschmissen, sich bei Deflieze im Praktikum aber bewährt. Gemeinsam mit der Arge gibt der Handwerksmeister ihm nun einen Vertrag.

Warum handeln nicht alle so? Deflieze weiß es nicht. Obwohl auch er sich manchmal wünsche, die Auszubildenden noch öfter im Betrieb einsetzen zu können. „Durch Berufsschule und Lehrgänge sind sie nicht immer da.” In anderen Branchen sei der Theorie-Anteil noch höher, die Kollegen müssten oft auf ihre Lehrlinge verzichten.

Andererseits macht die stabile Nachfrage Deflieze die Entscheidung pro Azubi leicht. Zur Restauration des schmucken Büfettschranks, der in der Werkstatt vor sich hinstaubt, kommt er gar nicht. Ein Stück weiter stapeln sich Türen, die an Oberhausener Schulen gehen sollen. Stadt, OGM und Wohnungsbaugesellschaften sind seine Hauptauftraggeber. „Türen und Fenster gehen immer kaputt.” Das Konjunkturpaket tut für Defliezes Auftragsbücher sein Übriges. „Es ist schön, wenn man merkt, dass Oberhausener Betriebe in Oberhausen noch Arbeit kriegen.” Da lächelt auch Klaus Wehling, man könnte fast sagen: gelöst.

Statistik: Auf dem Lehrstellenmarkt ist es nach wie vor eng. Allerdings zeige sich die Wirtschaftskrise hier nicht so deutlich wie bei den Arbeitsplätzen, sagt Heinrich Lehnert, Chef der Agentur für Arbeit. Ende April waren in Oberhausen 1107 Jugendliche ohne Lehrstelle. Ihnen gegenüber standen 386 freie Plätze. Vergangenes Jahr um diese Zeit registrierte die Agentur 1103 unversorgte Bewerber und 387 freie Stellen. Chancen auf einen Vertrag zum Start des Ausbildungsjahres im August oder September gibt es noch in den Metall- und Elektroberufen sowie in den Bereichen Büro und Verwaltung, Waren und Dienstleistungen.

Helen Sibum

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