Tagesmutter aus Oberhausen macht sich für Inklusion stark

Damit die dreijährige Hanni im Pflegenest Sterntaler betreut werden kann, hat Tagesmutter Claudia Böer sich fortgebildet.
Damit die dreijährige Hanni im Pflegenest Sterntaler betreut werden kann, hat Tagesmutter Claudia Böer sich fortgebildet.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Im Pflegenest Sterntaler in Oberhausen können jetzt auch Kinder mit Handicap betreut werden. Claudia Böer hat als eine der ersten Tagesmütter die nötige Fortbildung gemacht

Oberhausen.. Aus der Turnhalle im Pflegenest Sterntaler dringt Kinderlachen. Die zweijährige Hannah läuft in ihrer Latzhose zu einem Tunnel aus bunten Plastikteilen. Behände klettert sie aufs Dach. Auch Hanni will nach oben. Bei ihr geht das nicht so schnell. Wenn sie läuft, sind ihre Füße etwas einwärts gedreht. Um aufs Tunneldach zu klettern, braucht sie die Hilfe von Claudia Böer. Die 57-jährige Tagesmutter kniet sich hinter das dreijährige Mädchen, bringt seine Beine in die richtige Position und hebt es etwas an. Es dauert etwas, dann sitzt Hanni aufrecht und strahlt.

Hanni entwickelt sich anders als die anderen sieben Kinder, die Claudia Böer und ihre zwei Kolleginnen Simon Lemanzyk und Anne van Haaren im Alsfelder Pflegenest Sterntaler betreuen. Sie lernt nicht so schnell, braucht mehr Hilfe als gleichaltrige Kinder. Seit vergangenem Jahr wird sie auf einem sogenannten inklusiven Platz für Kinder mit Handicap im Pflegenest betreut. Möglich ist das, weil Claudia Böer sich fortgebildet hat.

„Inklusion für Tagespflegepersonen“ heißt der einjährige Kurs, den Böer als erste Tagesmutter in Oberhausen besucht hat. Zweimal im Monat hat sie sich einen ganzen Samstag mit anderen Tagesmüttern getroffen. Viel sei über eigene Vorurteile, Barrieren im Kopf, Ansichten gesprochen worden, sagt die vierfache Mutter und langjährige Tagesmutter. Das sei nicht immer leicht gewesen, gibt Böer zu. „Inklusion beginnt aber damit, dass man diese Barrieren abbaut. Ohne diese Schranke im Kopf wären wir viel offener für einander.“ Für ihren Beruf gelte das mit Blick auf Handicaps, Kinder aus Familien mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder mit einer Zuwanderungsgeschichte. „Wir sind offen für alle Kinder“, sagt Claudia Böer.

Platz in der Alsbachtal-Kita

Dafür, dass Kinder mit Handicap das Sterntaler-Pflegenest besuchen können, hat sie sich lange eingesetzt. 2009 hat Böer als gelernte Ergotherapeutin mal ein Kind mit einer Muskelschwäche betreut. „Seitdem will ich inklusive Plätze anbieten.“ Doch dazu sei bisher keine Fortbildung angeboten worden. Als dieses Angebot dann vom Landesjugendamt 2015 geschaffen wurde, haben Mitarbeiter des Oberhausener Jugendamts sie gefragt, sagt Böer. „Dass das Land dies jetzt möglich macht, finde ich klasse und ich hoffe, dass viele andere Tagespflegepersonen daran teilnehmen.“

Weil Hanni im Pflegenest betreut wird, sind in der Sterntaler-Gruppe nur acht statt sonst neun Kinder. Teurer als ein Regelplatz sei dies für Hannis Eltern aber nicht. „Die Kosten werden nach dem gleichen Schlüssel berechnet wie bei anderen Eltern auch“, sagt Böer.

Für die Arbeit mit Hanni bekommen Böer und ihr Team Hilfe von außen: Sie haben sich ein Netzwerk mit einem Physiotherapeuten und Fachleuten aus dem Bereich frühkindliche Bildung der Behinderteneinrichtung Alsbachtal geschaffen. Hanni erhielt sogar einen Platz im Alsbachtal-Kindergarten. Im Sommer wechselt sie dorthin.

Kurzinterview: Bis 2020 ist der Kurs kostenfrei für Tagesmütter

Petra Hahn vom Landesjugendamt beim LVR kümmert sich um Fragen der Kindertagespflege, berät Kommunen und bietet Fortbildungen auch für die Betreuung von Kindern mit Handicap an.

Solche Fortbildungen gibt es bereits länger für Lehrer und Erzieher – wieso erst jetzt für Tagesmütter?

Petra Hahn: Die Rolle der Kindertagespflege hat sich einfach noch entwickelt und stand lange Zeit nicht im Fokus der Öffentlichkeit und vor allen Dingen der Jugendhilfeplanung. Der Bedarf ist aber da: Tagespflegepersonen haben immer schon vereinzelt Kinder mit Behinderung betreut. Eine spezifische Qualifizierung wurde dafür in der Regel aber nicht absolviert. Der LVR hat vor drei Jahren in drei Kommunen Modellprojekte gestartet und untersucht, welche Voraussetzung es braucht, damit Kinder mit Behinderung auch von Tagespflegepersonen betreut werden können. Eine wichtige Voraussetzung ist aus unserer fachlichen Sich, eine spezifische Qualifizierung. Seit 2015 bietet der LVR freiwillige Kurse an fünf Standorten im Rheinland an. Die Kurse erstrecken sich jeweils über ein Jahr und sind bis 2019 für die Tagespflegepersonen kostenfrei. Dann muss die Kommune entscheiden, ob sie dieses Modell fortführt.

Was lernen die Tagesmütter?

Hahn: Es geht um ihre innere Einstellung und Haltung, um Themen wie Teilhabe und auch darum, welche Behinderungsbilder es gibt und wie man mit ihnen umgeht. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Eltern und eine sinnvolle Vernetzung der beteiligten Akteure vor Ort.

Tagesmütter betreuen in der Regel kleine Gruppen. Ist das nicht optimal für Kinder mit Handicap?

Hahn: Das kann man pauschal nicht sagen, so etwas hängt immer von der Art der Behinderung und der pädagogischen Qualität in der Tagespflegestelle ab. Grundsätzlich ist das aber eine familienähnliche Betreuung, die sehr gut geeignet sein kann.