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Nicht ohne Schreibschrift

23.01.2015 | 08:00 Uhr
Nicht ohne Schreibschrift
In Finnland ist das Lernen der Schreibschrift nicht mehr verpflichtend. Sabrina Döring, Lehrerin am Bertha-von-Suttner-Gymnasium, hält davon nichts.Foto: Kerstin Bögeholz

Oberhausen.   Lehrerin Sabrina Döring glaubt, dass die Abschaffung in Finnland kontraproduktiv ist. Druckschrift ist bei Schülern beliebt, auf Handschrift will aber keiner verzichten

Fein säuberlich schreibt Sabrina Döring in schönster Schreibschrift aufs Papier. „So sieht die lateinische Ausgangsschrift aus“, erklärt die Lehrerin des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums. „Wenn ich vor der Klasse an die Tafel schreibe, dann eigentlich immer so“, sagt Döring. Sie hat die Diskussion über die Abschaffung der Schreibschrift in Finnland mitverfolgt und findet den Schritt der Skandinavier nicht richtig. „Einige unserer Schüler kommen aus der Grundschule und können keine richtige Schreibschrift. Bei ihrer Druckschrift fallen dann oft die Wörter auseinander“, erzählt die Deutsch- und Pädagogik-Lehrerin. Die Kinder, die jetzt in der fünften Klassen sind, hätten häufig ganz unterschiedliche Schriftbilder; von Druckschrift über Schreibschrift bis hin zur vereinfachten Ausgangsschrift.

Kinder können Schreibschrift nicht mehr lesen

Was das bedeutet erlebt Döring häufig: „Einige Kinder können gar keine Schreibschrift mehr lesen.“ Dabei sei das Schreiben in einem Fluss so wichtig für den Nachwuchs: „Ich habe festgestellt, dass Kinder, die in einer Verbundschrift schreiben, oft ihre Gedanken fließender aufs Papier bringen können, als Kinder die nach jedem Buchstaben absetzen und neu anfangen.“

Aber wollen die Schüler wirklich noch Schreibschrift schreiben? „Ja“, sagt Moritz Howe. Er bevorzugt die Verbundschrift, zwar ohne große Schnörkel, aber immerhin mit verbunden Buchstaben. „Sieht viel schöner aus und ich bin deutlich schneller als mit der Druckschrift“, so der 14-Jährige. Anders sieht es seine Mitschülerin Sophie Gebauer: „Ich war froh, dass ich in der fünften Klasse endlich meine eigene Schrift schreiben durfte.“ Die 14-Jährige hat sich für die Druckschrift entschieden. Ebenso geht es Ole Nielsen: „Ich finde, die Schreibschrift sieht komisch aus. Die Druckschrift ist viel leserlicher, und auf die Lesbarkeit kommt es ja an.“

Stift und Papier oder Tastatur?
Ihre Meinung ist gefragt

Was halten Sie, liebe Leserinnen und Leser, von der Abschaffung der Schreibschrift-Pflicht in Finnland? Brauchen Kinder heut zu Tage noch eine Verbundschrift oder reicht es, nur noch die Druckschrift zu lernen?

Und wie wichtig ist für Sie die Handschrift allgemein? Bevorzugen Sie Stift und Papier oder doch die Tastatur?

Schicken Sie uns Ihre Meinung an: lok.oberhausen@nrz.de. Gern auch handschriftlich an die NRZ-Redaktion, Goebenstraße 57, in 46045 Oberhausen.

Wieso dann also nicht direkt am Computer tippen: Gekrakel ade, Zehn-Finger-System olé? Zumindest finnische Schüler sollen in Zukunft vermehrt an PC und Tablet tippen. „Die Handschrift ganz abzuschaffen, fände ich fatal. Durch die Haptik wird beim Schreiben mit Stift auf Papier ja auch gedanklich viel mehr verarbeitet als beim Tippen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass durch das bloße Aufschreiben per Hand schon viel Inhaltliches gespeichert wird“, erzählt Döring.

Auch der Nachwuchs ist vom ausschließlichen Tippen nicht überzeugt: „Am besten ist es beides zu beherrschen, denn wenn es eilig ist, dann steht ja nicht immer ein Computer bereit“, sagt Sophie Gebauer, die für die Schülerzeitung schreibt und beim Notizen machen nicht auf Block und Stift verzichten möchte.

„Wer tippen möchte muss schreiben können.“

Außerdem: „Wer am Computer tippen möchte, muss erst einmal schreiben können“, gibt Heidemarie Renner von der VHS in Oberhausen zu bedenken. Sie leitet Alphabetisierungskurse für Erwachsene und weiß, dass es vor allem auf das Verbinden von Buchstaben zu Wörtern ankommt. „Mit der Schreibschrift lässt sich der Zusammenhang natürlich viel deutlicher darstellen“, sagt sie. Silbenverbindungen könnten nicht gut am PC gemacht werden.

Mit einem ganz anderen Blick schaut Andreas Moczarski auf die jüngsten Entwicklungen in Finnland. Der Oberhausener ist Betreiber des Unternehmens AVS Forensik, das kriminaltechnische Schriftgutachten erstellt. „Bei Schriftgutachten ist die Druckschrift zwar weniger ergiebig als die Schreibschrift und ist darum schwieriger zu bearbeiten, aber ein großes Problem ist sie für uns nicht“, so Moczarski. Graphologen, die Persönlichkeitsanalyse anhand der Schrift erstellen, hätten dabei größere Probleme. „Interessant wird es allerdings, wenn wir in den Bereich der rechtlichen Dokumente gehen. Das Testament muss beispielsweise mit der Hand geschrieben werden. Sollte in einigen Jahren gar keine Handschrift mehr gelehrt werden, dann hätten wir da ein Problem“, so Moczarski, der auch in Druckschrift verfasste Testamente für schwierig hält.

Ob der gute alte Stift irgendwann tatsächlich ausgedient hat und Tastaturen die Welt des Schreibens beherrschen, das steht in den Sternen. Fest steht allerdings: Vorerst wird zumindest an den Tafeln der Oberhausener Schulen weiter fein säuberlich die gute alte Schreibschrift zu lesen sein.

Nadia Al-Massalmeh

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2015-01-23 08:00
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