Neue alte Ess-Kultur gegen „to-go“-Mentalität

Schließt ein Laden, ist meistens ein großes Bedauern darüber die Folge, dass der Standort wieder einmal um ein Angebot ärmer geworden ist. Doch auf die Frage, „Wann hast du denn das letzte Mal dort eingekauft?“, folgt mit fast ebenso großer Sicherheit erst einmal längeres Nachdenken.

Geschäfte schließen, weil sie sich für den Inhaber nicht gelohnt haben. Das gilt auch für Restaurants, nette Cafés oder Rathaus-Kantinen.

Robin-Food Catering-Geschäftsführer Martin Wichmann verkaufte zu wenig Essen, um den Betrieb, den die Stadt „Versorgung der Beschäftigten“ nennt, aufrecht erhalten zu können. Daran konnten auch die Stammkunden aus der Rathaus-Umgebung, die das Preis-Leistungsverhältnis sehr wohl zu schätzen wussten und gern in die Kantine gingen, nichts ändern. Das gilt auch für die Mittagstisch-Angebote der Arbeitsagentur, des TZU und des Fraunhofer Instituts.

Woran liegt’s, dass die Mehrzahl der Arbeitnehmer sich mittags keine Zeit mehr nimmt, sich an einen Tisch zu setzen und in Gemeinschaft mit anderen etwas zu essen? Die Antwort ist eine zunehmende „to go“-Mentalität, die Snack-Anbietern eine Hochkonjunktur beschert. Mal eben ein Brötchen auf die Hand, Pommes an der Frittenbude oder ‘ne Fricko vom Metzger – danach kann man die Mittagspause ja noch schnell nutzen, um irgendetwas zu erledigen oder man lässt sie ganz ausfallen, damit man früher nach Hause kommt.

Die selben Leute, die dieses Verhalten für sich in Ordnung finden, würden aufschreien, wenn ihr eigenes Kind, den „to go“-Snack dem Essen der Schulmensa vorzöge. Ganz zu schweigen von dem Protest, den die Nachricht auslöste, dass in einer Schule kein warmes Essen mehr angeboten würde, weil die Schüler es vorzögen, sich anderweitig zu beköstigen.

Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder, auch und besonders, was die Esskultur angeht. Wenn die Erwachsenen dem Mittagessen keinen Wert beimessen, können sie nicht verlangen, dass ihre Sprösslinge es zu schätzen wissen.

Da bleibt nur ein Ausweg, der sich angesichts des zunehmenden Berufsstresses arbeitender Eltern allerdings auch nicht mal eben nebenbei erledigen lässt: Eine alte, neue Ess-Kultur. Die warme Mahlzeit gibt’s abends am Familien-Esstisch – regelmäßig, lecker gekocht und in Ruhe verzehrt. Das ist dann auch eine gute Gelegenheit sich mal zu erzählen, was denn den ganzen Tag lang Wichtiges geschehen ist, ob im Schulalltag oder am Arbeitsplatz.