Mobbing hat viele Gesichter

Diakon Rainer Könen hat in drei Jahren schon viele Hilferufe entgegen genommen.
Diakon Rainer Könen hat in drei Jahren schon viele Hilferufe entgegen genommen.
Foto: Mobbing Line NRW
Was wir bereits wissen
Eine Telefon-Hotline vernetzt die Beratungsangebote von Kirchen und gemeinnütziger Institutionen. Der Oberhausener Diakon Rainer Könen ist für das Angebot zuständig. Es ist anonym und die Gespräche sind vertraulich.

Oberhausen.. Ein harmloser Scherz über die Frisur, ein Witz hinter dem Rücken des Kollegen, eine ungerechtfertigte Kritik: Konflikte am Arbeitsplatz kommen täglich vor – zwischen Arbeitskollegen genauso wie zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern. Was meistens harmlos beginnt und bleibt, endet in einigen Fällen mit systematischem Psychoterror. Zum Problem werden Auseinandersetzungen vor allem dann, wenn sie nicht ohne die Hilfe von Außenstehenden zu lösen sind: Die Rede ist von Mobbing. Eine Erste Hilfe in solchen Situationen bietet die „Mobbing Line NRW“, bei der sich Mobbing-Opfer und deren Angehörige telefonisch und anonym Rat und Informationen holen können.

Gegründet 2002

Einmal in der Woche, immer mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr, betreuen auch Berater aus dem Bistum Essen die Hotline, seit einem Jahr angedockt beim Diözesanverband der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands.

Die „Mobbing Line NRW“ ist ein Projekt, das im Februar 2002 von der Gemeinschaftsinitiative „Gesünder Arbeiten“ gegründet wurde. Um ein modernes Verständnis von Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Öffentlichkeit zu verankern, schlossen sich damals Unternehmen, Sozialpartner, Berufsgenossenschaften und Krankenkassen in Nordrhein-Westfalen mit dem damaligen Ministerium für Arbeit und Soziales, Qualifikation und Technologie zusammen.

Rainer Könen aus Oberhausen weiß, wie wichtig sein Engagement auch heute noch ist. Er ist seit drei Jahren für die Hotline zuständig. „Mobbing ist ein großes Problem in der Arbeitswelt. Es wird uns zukünftig aber auch noch stärker in anderen Bereichen begegnen, zum Beispiel in der Schule oder im Internet. Und es wird immer komplexer.“

„Mobbing hat viele Gesichter“, sagt Rainer Könen. „Arbeitnehmer werden von ihrem Arbeitgeber angebrüllt oder ausgegrenzt, sie finden keinen Halt bei Kollegen, ihnen werden Fehler vorgeworfen, die sich nicht gemacht haben.“ Auch wenn jemand permanent mit seinen Aufgaben über- oder unterfordert ist oder ihm immer unbeliebte Aufgaben wie etwa die Nachtschicht übertragen würden, sei das Mobbing.

Die Grenzen sind fließend

Ein weiteres Problem sei, dass Mobbing in den meisten Fällen verdeckt anfange, so etwa mit harmlosen Scherzen. Zu erkennen, wann eine Grenze überschritten wurde, gelinge oft weder Tätern noch Opfern. Die Grauzone sei groß. „Nicht jeder Konflikt am Arbeitsplatz ist sofort Mobbing“, sagt Rainer Könen. „Viele rufen zum Beispiel an, weil sie unzufrieden mit ihrem Lohn sind. Auch kleine Frotzeleien am Arbeitsplatz sind vollkommen normal.“ Ein Indikator sei der zeitliche Rahmen, über den sich die Konflikte hinziehen. Man müsse sich immer fragen: Muss einer regelmäßig als Sündenbock herhalten?

Die Mitarbeiter an der Mobbing-Hotline empfehlen den Betroffenen, sich an Experten zu wenden: Rechtsanwälte, Beratungsstellen, Ärzte, Psychologen oder auch die Staatsanwaltschaft. Könen: „In erster Linie wird ein Lotsendienst angeboten. Wir hören zu und überlegen dann gemeinsam mit den Anrufern, welche nächsten Schritte sie unternehmen können.“ Die Beratung laufe dabei absolut anonym: „Wer sich an die Mobbing-Hotline wendet, landet zunächst in der Zentrale in Düsseldorf und wird dann an uns weitergeleitet.“

Für die Betroffenen sei der Anruf oftmals der „letzte Strohhalm“. In einigen Fällen riefen auch Ehemänner oder -frauen an, weil sie es nicht mehr ertragen könnten, wie der Partner unter Mobbing leidet. Ein Mobbingprozess könne nur direkt am Anfang gestoppt werden. Sobald erste Anzeichen für Psychoterror am Arbeitsplatz auftauchen, sei Zivilcourage von Kollegen und vor allem vom Chef gefragt.

Dabei gehe Mobbing häufig von Führungskräften aus. Vor allem, wenn diese überfordert, ratlos und unfähig seien, Rollen richtig zu definieren. Ein Extremfall sei der systematische Psychoterror, mit dem Mitarbeiter aus Unternehmen „rausgemobbt“ werden sollen. Hier haben Betroffene laut Könen so gut wie keine Chance. „Es gibt zwar die Möglichkeit, rechtlich dagegen vorzugehen, doch in der Praxis erweist sich das als schwierig.“