Mehr Arbeiter, mehr Käufer in Oberhausen

Eine historische Ansicht der Oberhausener Marktstraße. Deutlich zu erkennen sind die Straßenbahnschienen, das Verkehrsmittel war für die Händler und Firmen in der Innenstadt von großer Bedeutung.
Eine historische Ansicht der Oberhausener Marktstraße. Deutlich zu erkennen sind die Straßenbahnschienen, das Verkehrsmittel war für die Händler und Firmen in der Innenstadt von großer Bedeutung.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Gutehoffnungshütte und Straßenbahn als Baumeister für die moderne Stadt. Gründung des kommunalen Verkehrsbetriebs sicherte Wachstum.

Oberhausen.. Vor 100 Jahren wurde Oberhausen Großstadt. Doch es hat seinen Grund, warum erst die Zusammenführung von Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld 1929 zum Meilenstein der lokalen Erinnerungskultur wurde: Das Oberhausen von heute entstand. Das bedeutete vor allem eines: Der Wirtschaftsraum der Gutehoffnungshütte war zum Stadtraum im umfassenden Sinne geworden. Erst dadurch trat Oberhausen, wie wir es kennen, ins Bewusstsein seiner Bürgerschaft.

Zwei wichtige Entwicklungen sorgten dafür, dass sich die Vorstellung der Menschen von Oberhausen in nur 70 Jahren völlig veränderte: Bei Gründung der Bürgermeisterei 1862 verstand man unter Oberhausen die Lirich-Lipperner-Heide, auf welcher an zwei Stellen das industrielle Leben zu pulsieren begann: um die Werksanlagen der JHH an der Essener Straße sowie in den Fabriken und Eisenbahnanlagen rund um den Bahnhof. 1929 dagegen fasste die Stadt Oberhausen für die Zeitgenossen von Alstaden bis zum Hirschkamp einen Stadtraum zusammen, der vom Montankonzern Gutehoffnungshütte (GHH) beherrscht wurde.

Durchsetzungsstarkes Stadtentwicklungskonzept

Statt 1300 Hektar war die Stadt nun 7700 Hektar groß geworden. Warum aber setzte sich die Raumvorstellung von der Zusammengehörigkeit der GHH-Werke für alle Facetten des städtischen Lebens durch? Die naheliegende Antwort lautet: Weil ohne die tatkräftige Unterstützung der Stadt Oberhausen durch die GHH die Zusammenlegung von 1929 wahrscheinlich gescheitert wäre. Und dennoch bietet die Stadtgeschichte eine noch tiefgründigere Erklärung für den neuen Stadtraum von 1929.

Nach 1890 nahm ein durchsetzungsstarkes Stadtentwicklungskonzept klare Formen an. Die konfessionell oft getrennt agierenden Industriebürger – meist evangelisch und nationalliberal – und die kleineren Unternehmer um die Marktstraße – meist katholisch und im Zentrum – fanden sich zu einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung zusammen: die Schaffung der Straßenbahn mit Linien ins Knappenviertel und nach Alstaden, auch nach Sterkrade und Osterfeld. Dem lag eine starke Identität der Interessen zu Grunde: Während die GHH immer mehr Arbeiter und Angestellte brauchte, die nicht mehr nur fußläufig um die Werke wohnen konnten, benötigte die City für ihr Wachstum eine Ausweitung des Einzugsgebietes.

Nichts bot sich da besser an als der Wirtschaftsraum des stadtbeherrschenden Konzerns mit seinen Standorten in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld. So war mit Gründung der ersten kommunalen Straßenbahn Deutschlands 1896 eine umfassende neue Konzeption davon entstanden, was die junge Industriestadt Oberhausen ausmachte und auf welcher Grundlage sie weiterhin in Wohlstand wachsen konnte: Der Wirtschaftsraum der Industrie sollte florieren und darüber insbesondere der Innenstadt mit ihren Handwerken und Dienstleistungen ebenfalls eine solche Nachfrage bescheren, dass ein großstädtisches Zentrum entstand.

Zunehmende Verflechtung

Die Straßenbahn als stärkstes Instrument zur Verbindung der Oberhausener Bürger mit ihrer City und mit ihren Arbeitsorten förderte die zunehmende Verflechtung der drei GHH-Städte und zudem die Stärkung Oberhausens als Handels- und Dienstleistungsstadt. So stieg der Anteil der Beschäftigten in den Dienstleistungen von 1900 bis 1950 von ca. 6 Prozent auf fast 30 Prozent an. So expandierte die GHH zwischen 1900 und 1929 im Oberhausener Raum von etwa 10.000 auf 30.000 Beschäftigte. Als Fazit bleibt: Die wirtschaftliche Rendite der Straßenbahn stimmte. Doch das war nicht alles. Die stadtentwicklungspolitische Rendite stimmte erst recht: Oberhausen konnte sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als Mittelzentrum im westlichen Ruhrgebiet etablieren, von 40.000 auf 190.000 Einwohner anwachsen.

Straßenbahn förderte die Stadtentwicklung

Durch die Herstellung neuer Verkehrsverbindungen verteilte die Straßenbahn die Wertigkeit von städtischen Lagen um. Das wiederum sorgte dafür, dass der Stadtraum insgesamt erfolgreicher zusammen wachsen konnte als noch bis 1900. Folglich bewirkte die Straßenbahn recht unmittelbar Stadtentwicklung und Städtebau. Dafür an dieser Stelle zwei Beispiele:

Südlich der Marktstraße entstand von 1900 bis 1935 das Blücherviertel. Attraktive Häuser für eine bürgerliche Bewohnerschaft machten erst von dem Zeitpunkt an Sinn, als Angestellte der GHH mit der Straßenbahn bequem von der Lothringer oder der Marktstraße zu den Werken oder Verwaltungen der GHH fahren konnten. Im Zeitalter vor dem Automobil wäre der tägliche Weg zu Fuß sehr weit geworden, erst recht wenn man bedenkt, dass die Angestellten damals noch oft für das Mittagessen die Arbeit unterbrachen und nach Hause fuhren.

Attraktive Wohnviertel entstanden

Zwischen dem Rathausviertel und dem Knappenviertel als Wohnort vieler Stahlarbeiter verdichtete sich ebenfalls nach 1900 der dünn besiedelte Raum und es entstand das Marien- oder Bismarckviertel. Damit wuchs der weitläufige Alt-Oberhausener Stadtraum erstmals sichtbar zusammen. Viele Wohnhäuser für das Bürgertum und Facharbeiter entstanden, die das Stadtbild durch Elemente von Jugendstil oder Bauhaus bereicherten. Zugleich verlor das Knappenviertel als kleines Geschäftszentrum gegenüber der Marktstraße spürbar an Bedeutung.

Beides war Ergebnis der Straßenbahn und von Lebensgewohnheiten, die sich über die Straßenbahn änderten: Solange die Arbeiter von der Brücktorstraße ihren Weg in die City noch zu Fuß zurücklegen mussten, taten sie dies nur selten – oftmals nur wenige Male im Jahr. Als dann aber die Straßenbahn Arbeitern und Bürgern aus der gesamten Stadt den Weg zum Einkaufen erleichterte, weitete sich die Auswahl in der Innenstadt aus. So wie allerdings die Attraktivität dort stieg, verloren die kleinen Einkaufsstraßen – wie am Knappenmarkt – an Bedeutung. Bedeutsamer Nebenaspekt dieser geplanten Stadtentwicklung war, dass sich die Menschen des 20. Jahrhunderts zunehmend mehr als Oberhausener fühlten und zumindest etwas weniger als Liricher, Lipperner oder Dümptener. Die Großstadt Oberhausen holte in den Herzen ihrer Menschen auf und schuf damit eine Basis für unsere Heimatverbundenheit von heute.