„Man weiß nie, was sich hinter der Tür verbirgt“

Hannelore Weiss arbeitet ehrenamtlich für den Weißen Ring.
Hannelore Weiss arbeitet ehrenamtlich für den Weißen Ring.
Foto: Ulla Emig/ FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Hannelore Weiss arbeitet für den Opferhilfe-Verein Weißer Ring. Sie hilft gefolterten oder vergewaltigten Frauen, Kindern und ausgeraubten Senioren.

Oberhausen.. Ob häusliche Gewalt, Stalking oder Mobbing: Die Gründe, warum sich Menschen in ihrer Verzweiflung bei Hannelore Weiss melden, sind so verschieden wie ihre Geschichten. Denn die 65-Jährige engagiert sich seit zwei Jahren ehrenamtlich beim hiesigen Weißen Ring, eine Organisation der Opferhilfe, die sich nur aus Spenden finanziert. Die neun Mitarbeiter sind oft die ersten Menschen, die sich um Kriminalitätsopfer kümmern und mit Betroffenen über Probleme sprechen können - weitere Mitglieder werden dringend gesucht.

„Man sollte einfühlsam sein und keine Berührungsängste haben, denn man weiß nie, was sich hinter der Haustüre verbirgt oder was einen am nächsten Tag erwartet, wenn das Telefon klingelt“, erzählt Weiss über ihr Ehrenamt. Denn sie habe in den zwei Jahren schon so Einiges erlebt: Gefolterte, geschlagene oder vergewaltigte Frauen, vernachlässigte Kinder und ausgeraubte Senioren. „Wenn wir den Anruf von der Polizei oder der betroffenen Person erhalten, ist es sehr wichtig den Fall ernst zu nehmen.“ In einem persönlichen Gespräch mit dem Opfer, das häufig in der Wohnung der betroffenen Person oder an einem neutralen Ort stattfindet, beraten Weiss und ihre Kollegen über mögliche Hilfeleistungen.

Diese reichen von der Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht, der Vermittlung von Hilfen anderer Organisationen, finanzieller Unterstützung zur Überbrückung tatbedingter Notlagen oder die Übernahme von Anwaltskosten. Manchmal reiche es schon aus, einfach zuzuhören, die Opfer erstmal reden zu lassen. „Sehr häufig ist aber eine längere, intensivere Begleitung nötig, weil die Menschen derart traumatisiert sind, dass sie ihr Leben nicht mehr alleine meistern können. Einen Fall haben wir beispielsweise vier Jahre betreut.“

Das Bauchgefühl hilft bei Entscheidungen

Weiss wuchs sehr behütet auf, sie schwärmt von ihrer Kindheit: „Ich wollte den Menschen, die in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind, etwas zurückgeben.“ Von ihrem Zahnarzt erfuhr die 65-Jährige dann von der Möglichkeit, beim Weißen Ring ehrenamtlich zu arbeiten: „Mir war wichtig, dass ich mir meine Arbeitszeit frei einteilen kann.“ Seit zwei Jahren betreut Weiss nun schon ehrenamtlich Opfer von Kriminalität, Anfang des Jahres übernahm sie dann die Leitung der städtischen Außenstelle. „Die Arbeit ist sehr interessant und es macht mir viel Spaß mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Zudem nehmen wir auch regelmäßig an Seminaren teil – zuhause ist man mit Haus und Hund nicht unbedingt ausgelastet“, erzählt Weiss, die 40 Jahre als Bankkauffrau tätig war.

Zudem sei kein Fall wie der andere, man müsse sich immer wieder auf neue Situationen einstellen: „Mittlerweile hilft mir mein Bauchgefühl, zu entscheiden, ob ich zu einem Fall alleine rausfahre oder einen Kollegen mitnehme, denn Selbstschutz ist auch wichtig.“ Derzeit besteht die Außenstelle aus neun Mitarbeitern, aktuell wird der 100. Opferfall betreut. Besonders Stalkingfälle haben in den letzten Jahren enorm zugenommen – meist von einem Ex-Partner, der die Trennung nicht akzeptiert und seiner ehemaligen Lebensgefährtin nun auflauert, sie unablässig anruft, ihr E-Mails oder SMS schreibt. Für die Betroffenen ein Psychoterror. „Die Frauen fühlen sich diesem Treiben meist hilflos ausgeliefert“, sagt Weiss.

Austausch im Team

Trotz der vielen schlimmen Geschichten, die Weiss fast täglich miterlebt, liegt ihr die ehrenamtliche Arbeit sehr am Herzen: „Ich sehe, wie unsere Hilfe den Menschen gut tut, wie sie sich positiv verändern und wieder zurück ins Leben finden – viele Kontakte bleiben auch nach der Betreuung noch lange bestehen.“ Sie lobt vor allem die gute Unterstützung durch das Team: „Vor allem nach schwierigen Fällen können wir uns austauschen, jeder hat für den anderen ein offenes Ohr. Das ist eine große Hilfe, um auch Abstand von einem Fall zu bekommen.“ Sie ergänzt: „Spätestens wenn man selbst einmal Opfer einer Gewalttat geworden ist, weiß man, wie wichtig das Hilfsangebot des Weißen Rings ist.“