"Man schämt sich doch irgendwie"
05.09.2008 | 19:09 Uhr 2008-09-05T19:09:00+0200
Wenn das Geld so knapp ist, dass es manchmal selbst an Lebensmitteln fehlt, bietet die Oberhausener Tafel Hilfe.
„Quer durch'n Garten”, so nennt man in Oberhausen schon mal, was gestern in der Tafelkirche an der Gustavstraße auf dem Küchenplan stand: eine Suppe mit allem, was die Gartensaison gerade an frischem Gemüse zu bieten hat. „Quer durch'n Garten”, das könnte auch denken, wer seinen Blick über die Menschen schweifen lässt, die im Innenhof darauf warten, eine Nummer für die Lebensmittelausgabe ziehen zu können: Etwa 100 waren's gestern – junge Frauen mit Kinderwagen, ältere mit Rollator, Deutsche und Nichtdeutsche, ältere und jüngere Männer, einige im dunklen Sakko, andere im Trainingsanzug, die meisten in Hemd und Jeans. Zwischen 600 und 700 Menschen besuchen pro Woche eine der vier Verteilstellen der Oberhausener Tafel, an denen die ehrenamtlichen Helfer von Firmen gespendete Lebensmittel an Bedürftige ausgeben.
Strom- und Heizkosten sind oft ein Knackpunkt
Einer von ihnen ist Udo S. Leicht fällt dem 48-Jährigen der Weg dorthin nicht: „Man schämt sich doch irgendwie”, sagt er mit leiser Stimme, „aber was soll ich denn machen?” Seit Juni ist er arbeitslos. Nicht zum ersten Mal. Als ungelernter Arbeiter ist es heute nicht mehr leicht, eine Stelle zu finden. Zusätzlich hat er von einen Unfall eine leichte Behinderung zurückbehalten, was die Arbeitssuche nicht gerade einfacher gestaltet. Auch seine Frau ist behindert, sie bezieht Grundsicherung, er Hartz IV. „311 Euro im Monat.” Angesichts mächtig gestiegener Strom- und Heizkosten sei da am Ende des Geldes meist noch ziemlich viel Monat über. Dann geht er zur Tafel: Für den einen Euro, den er dort bezahlen muss, bekomme er Lebensmittel, für die er sonst „bestimmt 30 Euro” ausgeben müsste. Geld, das manchmal einfach nicht mehr da ist.
Den Tipp „Geh' doch mal zur Tafel” habe er von einem Freund in ganz ähnlicher Situation bekommen: „Den sehe ich hier allerdings so gut wie nie. Der schämt sich herzukommen.” Eine Vermutung, die sich mit Beobachtungen von Tafelsprecher Josef Stemper deckt: „Tendenziell ist es so, dass ältere Menschen und Frauen eher ihre Hemmschwelle überwinden. Wenn der Kühlschrank leer ist, machen sie sich auf den Weg.” Um so bezeichnender und bedrückender, dass mittlerweile sehr viel mehr junge Menschen unter den Wartenden sind als früher. Wie viele Menschen tatsächlich von den Lebensmitteln profitieren, vermag Stemper nicht einzuschätzen: „Wir hören oft, dass es viele Kinder in den Familien gibt, dass manch einer etwas für Geschwister, Eltern oder Nachbarn mitnimmt.”
Auch zehn Ganztagsschulen werden mittlerweile einmal wöchentlich mit Obst und Gemüse beliefert: „Damit auch Kinder, deren Eltern kein Geld fürs Mittagessen haben, nicht außen vor bleiben”, so Stemper. Die Schulen wollen nicht genannt werden.
Rund 50 Bäcker, Einzelhändler und Filialisten tragen mit Lebensmittelspenden dazu bei, dass die Tafel funktioniert. 95 Freiwillige holen die Sachen ab, sortieren aus, vergeben Losnummern, verteilen Lebensmittel, kochen, backen, und, und, und. Miete für die Kirche, die früher Mittelpunkt der Heilig Geist-Gemeinde war, muss die Tafel zwar nicht zahlen. Dennoch gilt es, 45 000 Euro im Jahr aufzubringen – Unterhaltungskosten fürs Gebäude etwa und Betriebskosten für die drei Autos.
Die machen dem Tafel-Team übrigens zur Zeit Sorgen: „Die alten Schösskes kriegen keine Umweltplakette mehr”, befürchtet Stemper. Und der Umbau auf Rußpartikelfilter will überlegt sein. Lohnt das noch? Sowas reißt schmerzlich große Löcher in die Kasse. Denn mit dem Geld, das die Tafel aus Spenden und den Ein-Euro-Einnahmen der Bedürftigen selbst bekommt, muss sie auskommen: „Schulden machen gibt's bei uns nicht.”
DIE VERTEILSTELLEN DER TAFEL
In der Tafelkirche (Ecke Buschhausener/Gustavstraße) werden montags, mittwochs, donnerstags und freitags ab 12 Uhr Lebensmittel ausgegeben. Zusätzlich gibt es dort mittwochs und freitags von 12 bis 14 Uhr Suppen oder Eintopfgerichte und Kuchen für kleines Geld. An Sonntagen gibt's zwischen 12.15 und 16.30 Uhr ein Dreigang-Mittagsmenü und Kuchen für 3,95 Euro. Dienstags von 9 bis 12 Uhr gibt's Rat und Hilfe bei kleineren Problemen, etwa dem Ausfüllen von Formularen. In der Sozialkirche Jakobus (An Sankt Jakobus/Drosselstraße) in Osterfeld werden montags ab 11 Uhr Lebensmittel ausgegeben, in der Pfarrgemeinde Christ König (Fichtestraße 17) in Buschhausen montags ab 10 Uhr und an der Bahnstraße 66 in Holten immer donnerstags ab 11 Uhr. Infos: http://www.dieoberhausenertafel.de/. E-Mail: josef.stemper@dieoberhausenertafel.de, 960 84 22

05:54
tolle sache-man sollte danken!
ich brauchs nicht (noch nicht!)
aber ein bißchen mehr anteilnahme könnte nicht schaden!
leider holen sich auch leute die gut verdienen da ihre sachen...., aber das wird man NIE ausgrenzen können!
gute sache-mein lob an alle!