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Lehrer wehren sich gegen das Faule-Säcke-Image

28.04.2012 | 06:01 Uhr
Lehrer wehren sich gegen das Faule-Säcke-Image
Die CDU Landtagskandidatin Simone-Tatjana Stehr holte zum Rundumschlag gegen die Oberhausener Schulen aus und bekommt jetzt kräftig Gegenwind. Foto: Heiko Kempken / WAZ FotoPool

Oberhausen.   Ein Schulleiter empört über Äußerungen von Simone-Tatjana Stehr in der WAZ. CDU-Frau forderte Schul-Engagement bei Debatten-Wettbewerb, den sie selbst organisierte. Jetzt schlagen die Lehrer zurück: „Im eigenen Interesse hätte Frau Stehr ihre Rhetorik zügeln, ja besser noch schweigen sollen.“

Die Oberhausener Schulleiter wehren sich gegen die Vorwürfe von Simone-Tatjana Stehr . Die CDU-Ratsfrau und Landtagskandidatin hatte die Pädagogen ins Visier genommen, weil sie ihre Schulen nicht beim Wettbewerb „Jugend debattiert“ anmeldeten . Stehr organisiert den Wettbewerb mit.

Die ganze Aktion erinnere doch an Ex-Kanzler Schröders Stammtischspruch von den Lehrern als „faule Säcke“, schreibt der Alt-Oberhausener Gesamtschul-Leiter Karl-Heinz Burkart in einem Leserbrief an unsere Zeitung. Burkart bekräftigt in seiner Funktion als Sprecher der weiterführenden Schulen, dass Argumentieren täglich im Unterricht geübt werde. So sei „die Meinung Frau Stehrs zum Engagement Ihrer Kolleginnen und Kollegen nicht nur sachlich falsch, sondern auch oberlehrerhaft und anmaßend!“

"Man kann nicht bei jedem Projekt mitmachen"

„Wir haben Wahlkampf. Ich finde, dass der nicht auf dem Rücken der Schulen und Schulleiter ausgetragen werden darf“, sagt Michael von Tettau. Der Leiter des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums hat wenig Verständnis für Stehrs Universalkritik. „Man kann nicht bei jedem Projekt mitmachen“, sagt von Tettau. Der Wettbewerb sei gut, aber auch nur einer von vielen. „Frau Stehr müsste wissen, wie viele Angebote die Schulen bekommen.“ Die 42-Jährige ist selbst Lehrerin und in der Referendar-Ausbildung tätig.

Ähnlich reagiert die Fachschaft Politik und Sozialwissenschaften des Elsa-Bränd­ström-Gymnasiums. Die Lehrer um Schulleiterin Brigitte Fontein haben einen offenen Brief an Stehr formuliert: „Es wird der Eindruck erweckt, die Oberhausener Schulen [...] hätten keine engagierten, insbesondere Politik-, Lehrerinnen und Lehrer.“ Gerade erst hätten wieder zwei Klassen in Sachen Politik abgeräumt. „Beide Klassen gehen im Mai auf Klassenfahrt [...], wo die 9b übrigens von Ihrer Parteifreundin Angela Merkel [...] empfangen wird.“

Die Liste der Wettbewerbe ist lang

Schulsprecher Burkart erinnert an die Wahlen zum Jugendparlament , die gerade laufen: „Ein Projekt, das praktische kommunale politische Beteiligung der Jugendlichen Oberhausens konkret umsetzt und sicherlich für Jugendliche in Oberhausen wichtiger ist als die abgehobene Debatte eines Rhetorikwettbewerbs.“

Die Liste der Wettbewerbe, an denen Oberhausener-Schulen beteiligt sind, nimmt tatsächlich kaum ein Ende: Karl-Heinz Burkart nennt zahlreiche fachübergreifende Aktionen. Er wirft Stehr vor, erst für den Debatten-Wettbewerb kaum Werbung betrieben zu haben und jetzt auszukeilen. „Im eigenen Interesse hätte Frau Stehr ihre Rhetorik zügeln, ja besser noch schweigen sollen und ihre Arbeitskraft für ein besseres Zusammenwirken verwenden können.“

"Noch mehr Belastung geht nicht."

Andere kritisieren den Debatten-Kampf als Gymnasiasten-Veranstaltung. Schulleiterin Erika Ilgen (Friedrich-Ebert Realschule) meldete ihre Schule nicht bei „Jugend debattiert “ an, weil sie die Schüler nicht frustrieren wollte. „Die Schuhe sind drei Nummern zu groß“, sagt Ilgen. „Das Debattieren fällt unseren Schülern ohnehin schwer.“ Viele Schüler hätten Sprachdefizite. „Man muss den Schülern auch eine Chance einräumen.“ Die Erfolgsaussichten für ihre Schützlinge seien bei mathematisch-naturwissenschaftlichen Aktionen größer. „Dinge, die man mit den Händen begreifen kann.“ Wenn sich dann aber einmal Erfolg einstelle, seien alle so Feuer und Flamme, dass Zeit keine Rolle mehr spiele.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) greift in die Debatte ein. „Die Kollegen sind sehr engagiert“, sagt die Vorsitzende Conny Schiemanowski. Für mehr Wettbewerbe fehle Zeit: „Noch mehr Belastung geht nicht. Zu viel ist zu viel.“

Arne Poll



Kommentare
02.05.2012
09:36
Lehrer wehren sich gegen das Faule-Säcke-Image
von Codemancer | #2

Die Argumentation in den Kommentaren obliegt der selben egoistischen Denkweise zugrunde, die ich schon bei meinen damaligen Studienkollegen im Bereich Lehramt bemängeln durfte.

Zunächst die zwei großen Felder neben dem Fachbereich selbst sind in der Lehrerausbildung Didaktik und Pädagogik. Wer da bemängelt, dass Lehrer neben dem Lehren auch noch erziehen sollen, hat irgendwie den Kern dieses Berufes nicht verstanden. Sicherlich ist die Erziehungsarbeit in den letzten Jahren mehr geworden, aber sie gehört ganz klar dazu.

Ich stimme zwar zu, dass die in den letzten Jahren dazu gekommene Mehrarbeit entsprechend entlohnt werden sollte, aber man sollte dabei auf dem Teppich bleiben. Lehrer sein ist mehr Berufung als Beruf - wer das nicht einsieht, sollte vom Lehrstuhl weg bleiben.

28.04.2012
23:04
Lehrer wehren sich gegen das Faule-Säcke-Image
von sapperlott | #1

Tja, Frau Stehr, so etwas nennt man ein klassisches Eigentor. Da hatten Sie wohl gedacht, mit Polemik gegen die Lehrer ein paar Stimmen einzukassieren und nun das. Sicherlich sind außerschulische Aktivitäten wichtig für Lehrer, Schüler und das Schulleben. In dieser Hinsicht engagieren sich alle Oberhausener Schulen auf den verschiedensten Feldern. Allerdings sollen Lehrer nebenbei auch noch unterrichten. Früher war das einmal das Kerngeschäft. Heutzutage hat die Politik, also Sie, Frau Stehr, und Ihesgleichen, dafür gesorgt, dass dies nur noch unter großen Schwierigkeiten möglich ist. Im Nachhinein, Frau Stehr, si tacuisses, philosophus mansisses.

1 Antwort
Auch Lehrer sind Arbeitnehmer
von badchefin | #1-1

Ändern Sie die Rahmenbedingungen und bezahlen Sie die Mehrarbeit der Lehrer! Aber Lehrer sollen alle Lücken schließen: Neben ihren normalen Dienstpflichten - unterrichten - sollen sie erziehen, Wettbewerbe gestalten, Eltern beraten und und und.... Es existiert ein Gutachten über die Belastungen der Lehrer, das nach Erstellung schnell unter den Teppich gekehrt wurde, weil die Arbeitsbelastung weit über das normale Maß hinausging. Was wollt ihr noch? Außerschulische Lernorte sind wichtig, aber auch das muss doch mal ausgeglichen werden, oder?!

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