Leben am Finanzlimit zermürbt

Mike Laudon, Leiter des Arbeitslosenzentrums Kontakt, weiß um die Sorgen und Nöte der betroffenen Menschen und ihrer Familien
Mike Laudon, Leiter des Arbeitslosenzentrums Kontakt, weiß um die Sorgen und Nöte der betroffenen Menschen und ihrer Familien
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Mike Laudon, Leiter des Arbeitslosenzentrums Oberhausen, zu zehn Jahren Hartz IV. Er zieht eine negative Bilanz. Dritter Arbeitsmarkt wäre sinnvoll.

Oberhausen.. Zehn Jahre Hartz IV. Wie sieht die Bilanz aus? Mike Laudon, Leiter des Arbeitslosenzentrums Kontakt an der Bahnhofstraße 51 in Sterkrade, hat darauf eine knappe Antwort: „Die Bilanz ist erschreckend.“ Damit meint er nicht nur die Tatsache, dass sich seit Einführung durch die rot-grüne Bundesregierung die Zahl der Leistungsempfänger in Oberhausen kaum verändert hat: 27.782 waren es im September 2014, 2006 mit 27.561 sogar etwas weniger. Von den Menschen, die tagtäglich das Zentrum aufsuchen, weiß er: „Von Hartz IV kann man existieren, mehr aber auch nicht.“

399 Euro beträgt der Regelsatz für einen Einpersonenhaushalt. Davon sind die Lebenshaltungskosten, Kleidung, Telefon, Strom, Fahrtkosten, Versicherungen zu bezahlen; die Miete für angemessenen Wohnraum und Heizung wird in aller Regel vom Jobcenter an den Vermieter überwiesen. Muss eine neue Waschmaschine gekauft werden oder hat man Stromschulden, tritt das Center zwar in Vorleistung, „doch monatlich wird ein bestimmter Betrag einbehalten, bis die Summe zurückgezahlt ist“. Die Folge: „Man muss sich einschränken – irgendwie.“

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Das Leben am unteren Finanzlimit hat fatale Folgen für den seelischen Zustand der Betroffenen. Wer laut Regelbedarf 7,74 Euro im Monat für einen Gaststättenbesuch zur Verfügung hat, kann niemals ein Bier oder einen Kaffee ausgeben. „Die Menschen ziehen sich aus ihrem Freundeskreis zurück. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben tendiert gegen Null.“ Und auch seinen Kindern nichts bieten zu können, das sei auf die Dauer zermürbend. Wer seit Jahren keine Arbeit findet, der resigniert, richtet sich irgendwie ein. „Die Tagesstruktur fehlt. Das Selbstwertgefühl geht in den Keller.“ Den Sprung aus der Langzeitarbeitslosigkeit in einen einigermaßen auskömmlichen Job zu schaffen, das sei – insbesondere für Menschen jenseits der 50 – fast unmöglich.

Viele haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. „Für sie gibt es kaum Arbeitsmöglichkeiten und wenn, dann nur zu ganz bescheidenen Konditionen.“ Das seit diesem Jahr geltende Mindestlohngesetz biete hier kaum Abhilfe, denn: „Wer langzeitarbeitlos ist, hat erst nach sechs Monaten Anspruch auf mindestens 8,50 Euro die Stunde.“ Laudons Befürchtung: „Die Unternehmen stellen zwar jemanden ein, aber doch nur für eine halbes Jahr.“ Und auch vom Mindestlohn allein sei eine Familie nicht zu ernähren. „Man wird also Aufstocker, bleibt weiterhin vom Staat abhängig.“

Was würde er ändern, wenn er dazu die Macht hätte? „Den Regelbetrag erhöhen, Kinder aus Hartz IV-Familien stärker unterstützen, damit sie über eine gute Bildung und Ausbildung aus dem Leistungsempfängerstatus herauskommen, und einen dritten Arbeitsmarkt einführen.“