Knochenjob im Kettenhemd
19.07.2007 | 10:23 Uhr 2007-07-19T10:23:00+0200Landsknechte verteidigen am Wochenende die Wasserburg - zur Freude der Besucher, die nach drei Jahren wieder ein Ritterfest in Osterfeld erleben. Hinter die Kulissen schauten Astrid Knümann (Text) und Tim Deffte (Fotos)
BURG VONDERN SO LEBTEN DIE RITTERSLEUT' "Ich wollte mir eigentlich nur ein Schwert kaufen. Weil die Dinger ganz ansehnlich sind." Damit begann für Björn Nawrotzki eine ganz neue Freizeit-Dimension. Der Mann von den Rheinisch-Westfälischen Wasserwerken taucht regelmäßig ab ins Mittelalter. Als Landsknecht, in voller Montur. "Und das nur, weil mich der Verkäufer der Schwerter fragte, ob es ein Deko-Stück sein sollte oder eine Schaukampf-taugliche Waffe", schmunzelt Nawrotzki. Was dann kam, war vor allem Training. Bei einem Polizeisportverein übte der Oberhausener die Techniken des mittelalterlichen Schwertkampfes. Dann lernte er die Mannen des Stammtisches der Burg Vondern um dessen Gründer Hagen Hoffmann kennen: "Da bin ich hängen geblieben."
Inzwischen hat er sich auch sein Kettenhemd selbst "geklöppelt". Ein Knochenjob. Die langen Hemden der Herren der Schöpfung wiegen locker 25 Kilo, die Damen begnügen sich mit 15 Kilo. Schon die Herstellung ist eine Herausforderung. Nawrotzki: "Aus Weidedraht wird jeder Ring einzeln gedreht." Ein Dreivierteljahr hat er daran gesessen: "Anschließend hatte ich eine chronische Sehnenscheiden-Entzündung." Das Hemd ist seither sein treuer Begleiter - auch am Wochenende beim Fest auf der Burg Vondern.
Hilfe bekommt er von seinem Knappen, der im richtigen Leben Christoph Müller heißt und als Mechatroniker bei Siemens arbeitet. Ein Geschichtskurs in der Schule und der Zufall führten ihn zum Stammtisch der Burg.
Und hinter dem steckt Hagen Hoffmann, der seine Brötchen als Energieanlagen-Elektroniker bei der Stoag verdient: "Schon als Kind hab ich mich für Stadtgeschichte interessiert, besonders fürs Mittelalter." Vor 20 Jahren wurde er Mitglied im Förderkreis Burg Vondern, ist seit fünf Jahren im Vorstand und gründete den Stammtisch. Er grinst und widerspricht nicht, wenn Björn Nawrotzki den Genuss von Gerstensaft als ein Merkmal dieser Runde nennt. Übrigens durchaus authentisch: "Keiner hat im Mittelalter Wasser getrunken, weil das oft verseucht war. Schon die Kinder bekamen damals Dünnbier", lachen die Burg-Ritter.
In erster Linie aber geht es ihnen um den Erhalt der Burg und die Organisation von Veranstaltungen, die helfen, das Mittelalter aus dem Muff des Düsteren zu befreien: "Es wurde viel Quatsch überliefert." Der Bildungsstand sei recht hoch gewesen, es habe Brandschutz- und Abort-Verordnungen gegeben, um Seuchen zu verhindern. Und Ritter, die auf Turnieren antraten, hatten es gar nicht nötig, selbst in Schlachten zu kämpfen. "Die meisten Toten erlitten übrigens einen Genickbruch durch ihre eigene Rüstung."
Der 30-jährige Krieg habe dann alle Errungenschaften zunichte gemacht und das Mittelalter in ein schlechtes Licht gerückt.
Hoffmann räumt aber ein, dass auf Ritterfesten wie am Wochenende Kompromisse gemacht werden müssen: "Wären wir ganz realistisch, liefen hier zwei Ritter rum und ein paar verschleierte Frauen, der Rest käme in Säcken. Das wollen die Leute aber nicht sehen." Und so werden Ritter und Knappen edle Gewänder anlegen, die Rösser mit farbenprächtigen Geschmeide schmücken und um die Gunst der holden Maid kämpfen - ein bisschen wie im Film. "Keiner hat im Mittelalter Wasser getrunken, weil das oft verseucht war"

0mitdiskutieren