Interview der Woche
„Ich fühle mich sehr vereinsamt“
30.07.2010 | 19:01 Uhr 2010-07-30T19:01:00+0200
Während im Bert-Brecht-Haus umgebaut wird, ist auch die Stadtbibliothek heimatlos — und mit ihr Bibliotheksleiter Ronald Schneider. Mit ihm sprach Redakteurin Rusen Tayfur über E-Books und die erotische Anziehungskraft von echten Büchern aus raschelndem Papier
Herr Schneider, wie geht es Ihnen in Ihrem Provisorium auf dem Babcock-Gelände?
Schneider: Ganz offen gesagt: Ich fühle mich sehr vereinsamt. Ein Bibliothekschef ohne seine Bibliothek und ohne seine Mitarbeiter fühlt sich doch ein Stück weit seiner selbst entfremdet.
Ihre Kunden haben indes die Möglichkeit, ins Service-Center an der Helmholtzstraße zu kommen. Wie wird dies angenommen?
Das ist für uns die ganz große Überraschung. Denn wir bieten dort einen Besorgungsservice an, über den man so gut wie jedes Medium bestellen und innerhalb von wenigen Tagen abholen kann, aber die Bürger zeigen kaum Interesse daran.
Wie erklären Sie sich das?
Die Nutzer von Bibliotheken wollen die Bücher sehen, für die sie sich interessieren. Sie wollen sie in die Hand nehmen und in ihnen blättern. Sie wollen keine Literaturbesorgungsstelle, sondern einen schönen Raum, in dem sie sich aufhalten können. Unsere Kunden fahren lieber in eine Zweigstelle oder sogar in die Nachbarstadt als den Besorgungsservice in Anspruch zu nehmen. Diese schwache Nutzung ist ein eindrucksvolles Votum und der beste Beleg dafür, dass wir eine neue Bibliothek brauchen. Alle Ideen, durch regionale Kooperationen Einsparungen zu erzielen, werden damit ad absurdum geführt.
Wird die Bibliothek der Zukunft also doch keine virtuelle sein?
Es mag in zehn, zwanzig Jahren so sein, dass ein großer Teil der jungen Menschen darauf zugreift. Es gibt auch heute schon Bibliotheken, die Bücher als E-Books anbieten oder eine Online-Leihe haben. Dies wird jedoch denkbar gering genutzt. Wir können zwar nicht in die Zukunft blicken, aber wir wissen, dass es Hier und Heute das Buch ist, das den Zauber des Lesens vermittelt. Wer gerne liest, hat ein erotisches Verhältnis zu seinen Büchern. Ein Computer jedoch bleibt immer nur ein nüchtern-funktionales Gerät. Unsere Erfahrungen in Oberhausen entsprechen dem, was wir bundesweit erleben. Neunzig Prozent der Menschen wollen das Papier. Weil es angenehm raschelt beim Umblättern, weil man etwas anstreichen kann, weil man es mit in den Urlaub nehmen kann. Bücher sind Freunde und sie sind mit Erinnerungen verbunden.
Wie wird — auch aufgrund dieser Erkenntnisse — die neue Bibliothek aussehen?
Sie wird einen attraktiven multimedialen Bestand haben, der zu neunzig Prozent aus Büchern besteht, aber auch die neuesten Medien wie Konsolenspiele und E-Books enthält. Viel wichtiger ist jedoch, dass es Räume geben wird, in denen man sich gut aufhalten und auch arbeiten kann. Wir werden konventionelle Arbeitsplätze anbieten, Gruppenarbeitsplätze und jede Menge Internetarbeitsplätze, außerdem W-Lan für Kunden, die mit Laptops kommen.
Werden deshalb die Preise erhöht?
Das wäre unfair den Kunden gegenüber, die ein Jahr lang mit einem reduzierten Angebot auskommen mussten. Es wird vielmehr als Entschädigung hierfür bei zwölf Euro Jahresgebühr bleiben.
Für die Umbauzeit wurde der Bestand in den Stadtteilbibliotheken ausgebaut, was geschieht danach?
Das Angebot wird dann wieder verkleinert, trotzdem profitieren die Zweigstellen längerfristig, weil wir die Zeit zur Modernisierung nutzen und auch einen Etat-Schwerpunkt hier gelegt haben. So konnten wir zum Beispiel in Sterkrade ein Schülercenter einrichten.

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