„Ich bin ja nicht aus der Welt“
03.02.2012 | 18:38 Uhr 2012-02-03T18:38:00+0100
Oberhausen.Mit erwartungsvollem Blick sitzt Helga Schmidt (65) auf einem Thron aus Turnkästen. Die Sportlehrerin des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums im Knappenviertel hat ihren letzten Tag.
Über 42 Jahre hat sie Schüler durch die Turnhalle laufen lassen, ihnen Volleyball und Turnen beigebracht, nun geht sie in Rente. Doch ohne eine Verabschiedung geht das natürlich nicht.
Plötzlich ertönt laute Musik und mindestens 50 Schüler laufen ein. Als sie an der Thronenden vorbeikommen, klatschen sie strahlend ab. Helga Schmidt reißt sich zusammen, ist jedoch sichtlich ergriffen.
Als die Kinder passend zu einer kleinen Choreographie ihren Namen Buchstabieren und die Klassensprecher ihr stellvertretend für die vielen Jahre danken, ihr alles Gute wünschen und ihr Geschenke überreichen, kann Helga Schmidt die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Auch bei den Schülern zeigt sich Wehmut. „Frau Schmidt war eine nette Lehrerin“, sagt Fünftklässlerin Zeynep (10), während mehrere Schülerinnen ihre Sportlehrerin zum Abschied umarmen. „Sie hat den Unterricht sehr abwechslungsreich gestaltet“, sagt Zeyneps Klassenkameradin Gül (10).
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Noch ganz gerührt sitzt die kleine Frau mit den kurzen grauen Haaren später in dem Geräteraum der Sporthalle – ihre gewohnte Umgebung. „Es ist schön, auf diesem Weg etwas von den Schülern zurückzubekommen. Es war so toll, als alle bei mir abgeklatscht haben“, sagt die Alt-Oberhausenerin.
Viele Schülergenerationen hat Helga Schmidt am Bertha erlebt. Oft, so erzählt sie, kamen Eltern von Schülern mit dem Kommentar zu ihr: „Ach, Frau Schmidt, sie sind ja immer noch hier. Ich hatte damals auch schon Sport bei Ihnen.“ Nach all den Jahren kennt sie viele solcher Bertha-Geschichten.
Angefangen hat die gelernte Gymnastiklehrerin jedoch 1967 an drei Volksschulen. Erst als am Bertha-von-Suttner-Gymnasium Sportlehrer fehlten, wurde sie von der damaligen Schulleiterin angefordert. „So bin ich am 1. August 1969 hier gelandet“, erinnert sich Schmidt.
Wohlgefühlt hat sie sich am Bertha immer: „Die Atmosphäre im Lehrerzimmer war immer gut. Wir haben sogar jeden Freitagnachmittag in einer Lehrer-AG Volleyball gespielt.“ Dennoch hat sie gerade in den ersten Jahren ein paar Rückschläge erlebt. „Ich habe keine akademische Lehrerausbildung, das hat manchen nicht gepasst“, erzählt Schmidt, „generell haben die Kollegen mich aber immer anerkannt.“
Nach vielen stressigen, aber auch schönen Jahren verlässt Schmidt die Schule mit dem altbekannten „lachendem und weinenden Auge“.
Sie möchte nun zur Ruhe kommen, es genießen, nicht jeden Morgen um kurz vor acht in der Turnhalle stehen zu müssen. „Endlich habe ich Zeit zum Lesen und mit meinem Hund rauszugehen“, erzählt die 65-Jährige.
Anstrengend wurde der Job vor allem, weil die Schülerschaft sich stark verändert hätte. „Früher waren sie pflegeleichter. Heute fehlt es ihnen oft an Respekt und Disziplin“, beobachtete sie. Auch gegen das Phänomen „Computer-Kinder“ versuchte sie gegenzusteuern. „Wenn ich im Schwimmunterricht gesehen habe, dass die Schüler keine Kraft haben, um sich aus dem Wasser zu stemmen, wurde das im Sportunterricht natürlich trainiert.“ Ihr Konzept beschreibt sie schmunzelnd mit „Zuckerbrot und Peitsche“.
Richtig Abschied nimmt Helga Schmidt nach 42 Jahren aber noch nicht: Die Organisation des Sommerfestes hat sie an einen Nachfolger delegiert, doch sie verspricht: „Ich bin ja nicht aus der Welt.“

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Knappenviertel? Dat is schon dat Marienviertel...