Hygieneexperte warnt: Antibiotika verlieren ihre Wirkung

Die Lage ist ernst, weiß Dr. Thomas Rieger, Chefarzt und stellvertretender ärztlicher Direktor des EKO.
Die Lage ist ernst, weiß Dr. Thomas Rieger, Chefarzt und stellvertretender ärztlicher Direktor des EKO.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Ein Hygieneexperte des Evangelischen Krankenhauses Oberhausen schlägt Alarm. Niedergelassene Ärzte verschreiben zu häufig Antibiotika - mit Folgen.

Oberhausen.. Antibiotika verlieren ihre Wirkung gegen Infektionskrankheiten. Dazu tragen nach Ansicht von Dr. Thomas Rieger, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin und klinische Mikrobiologie am Evangelischen Krankenhaus Oberhausen (EKO), auch die niedergelassenen Ärzte vor Ort bei. Denn die verschrieben diese lebensrettenden Medikamente noch immer häufig und nicht passgenau.

Resistente Krankheitserreger, aber auch Krankenhausinfektionen sind in ganz Europa ein ernstes Problem. Jährlich erkranken etwa allein in Deutschland bis zu 600.000 Patienten an Krankenhausinfektionen. Bis zu 15.000 versterben daran. Die Bundesregierung reagierte darauf unter anderem mit einer gestern verabschiedeten Resistenz-Strategie. Die sieht mehr Hygiene in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, mehr Kontrollen, mehr Forschung vor.

Analysen für sieben Häuser

Thomas Rieger begrüßt das. Er gilt als einer anerkanntesten Hygieneexperten der Region. Sein Institut für klinische Mikrobiologie gehört landesweit zu den größten Instituten dieser Art. Neben dem EKO führt es für sechs weitere Krankenhäuser mikrobiologische Analysen durch. Viel zu lange sei die Hygiene als Stiefkind betrachtet worden, meint Rieger. So seien bundesweit 17 Lehrstühle oder Institute für Hygiene geschlossen worden. Folge: „Uns fehlen die Fachkräfte.“ In Oberhausen versucht das EKO, gegen diesen Trend zu steuern.

Im Ärzteteam gibt es drei Hygienefachkräfte mit Zusatzausbildung. Dazu kommen Hygienebeauftragte in der Pflege und speziell geschultes Reinigungspersonal. Mehrere 10.000 Euro steckte das Haus in Reinigungsprodukte, Poliermaschinen, ein neues Wischmoppverfahren. Nasen-Rachenabstriche zur Erkennung von multiresistenten Keimen (MRSA) gehören für jeden Patienten zum Aufnahmeritual. 18 von 20.000 Patienten infizierten sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen im vergangenen Jahr im EKO mit MRSA. 280 Patienten brachten eine solche Infektion mit. Eine Isolierstation mit 14 Betten verhindert eine Keim-Ausbreitung. In einem Speziallabor der Schutzstufe 3 werden selbst hochansteckende Tuberkulose-Keime oder SARS-Erreger (atypischen Lungenentzündung) innerhalb von 16 Stunden identifiziert.

„MRSA haben wir im Griff“, sagt Rieger. Sorgen bereiten dem Experten dagegen zunehmend Patienten, bei denen nur noch wenige Antibiotika anschlagen. „Dazu trägt leider bei, dass niedergelassene Kollegen immer noch zu oft Breitband-Antibiotika verordnen.“

Mit Patienten an einem Strang ziehen

„Es gibt gewisse Probleme“, räumt Dr. Peter Kaup, Vorsitzender der Oberhausener Kreisstelle der Ärztekammer ein. Doch mittlerweile sei den meisten Kollegen bewusst, dass eine Antibiotika-Vergabe mit Vorsicht zu genießen ist. „Nur muss das auch bei den Patienten ankommen.“

Für Patienten mit heftigen Erkältungsbeschwerden sei es nicht leicht zu verstehen, weshalb sie kein Antibiotikum erhielten, sondern lieber in drei Tagen wiederkommen sollen. „Zumal sich ihr Zustand verschlechtern kann.“ Da gelte es, Risiko und Nutzen abzuwägen. „Bei einem 80-Jährigen mit Lungenentzündung würde ich sofort ein Antibiotikum geben.“ Bei einem jüngeren Patienten könne ein Rezept mitgegeben werden – das nur bei einer Verschlechterung eingelöst wird. „90 Prozent bringen das Rezept zurück.“