Hermann mit dem dem Hammer und sein Ruhepol
02.04.2008 | 19:38 Uhr 2008-04-02T19:38:20+0200EHEJUBILÄUM. Anni und Hermann Kuß haben heute vor 65 Jahren geheiratet.
Er sah sie in München, im "Cafe? Stadt Wien", und ihn durchzuckte der Gedanke: "Boah Hermann, dat wär' 'ne Frau für dich!" Sie sah ihn und steckte ihm auf dem Weg zur Toilette ein Zettelchen zu, beschrieben mit dem Augenbrauenstift: "Morgen wieder? 18 Uhr?" Er nickte. Das war vor 67 Jahren, zwei Jahre später heirateten sie, heute feiern Anni und Hermann Kuß ihre Eiserne Hochzeit.
"Fünfundsechzig Jahre, das ist länger als lebenslänglich", schmunzelt Hermann (88) und erntet ein "Na!" von Anni (87). So ganz bremsen konnte (und kann) die Allgäuerin, der man ihren Akzent trotz mehr als 50 Jahren in Alstaden immer noch anhört, ihren Hermann nicht: "Der hatte immer schon eine große Klappe und hat sich nie zurückgehalten." Das tat er nicht, als er sich beim Bürgermeister von Wolfratshausen über seine Benachteiligung als "Preuße" im Oberbayerischen beschwerte, auch nicht, als er sich im Mai 1945 auf der Flucht vor der Roten Armee bei Hof zu den Amerikanern durchgeschlagen hatte, und erst recht nicht, als er zu Beginn der 50er Jahre im Bunker am Südmarkt eine Kneipe führte, die morgens um fünf öffnete.
Das war übrigens die erste gastronomische Station des gelernten Bäckers und bei weitem nicht die letzte. Legende ist längst "Kuß am Ruhrpark", auch die "Theke" in der damaligen Stadthalle - und immer stand Anni ihm zur Seite. Sie war stets die Ruhe selbst, die auch im dicksten Betrieb nicht die Übersicht verlor, schnell servierte, sauber abrechnete, eine Gastro-Frau der Sonderklasse.
So einen ruhenden Pol muss ein Mann wohl haben, den es immer umtrieb, der eben die Klappe nicht halten konnte. Karneval, Fußball, Vereine - Hermann war immer dabei, handelte sich beinahe massenhaft Urkunden, Nadeln, Pokale, Ehrengaben ein - und Respekt: "Hermann mit dem Hammer" heißt er seit Jahren bei den Karnevalisten, und dass der maßgebliche Betreiber von Alstadens Fußball-Blüte in den 60er Jahren heute noch bei Schiedsrichtern gefürchtet ist, die er für so gut wie jede Niederlage seiner Schwarz-Weißen verantwortlich macht, es passt.
Gestern Abend brachten Alstadens Sänger dem Jubelpaar ein Ständchen. Zu Recht.

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