Grenzen setzen
29.10.2009 | 19:08 Uhr 2009-10-29T19:08:00+0100Die Oberhausenerin Sabine Thiel hat in Duisburg eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Borderline-Patienten aufgebaut. In Oberhausen könnte bei Bedarf auch so ein Angebot entstehen.
Die Reaktionen sind meist heftig, wenn andere Menschen erfahren, dass Sabine Thiels Sohn die Diagnose „Borderline-Persönlichkeitsstörung” bekommen hat. Sie reichen von „Das ist der nächste Attentäter oder Amokläufer” bis hin zu „Ach, schon wieder diese Modekrankheit”. Mit dieser Erfahrung ist Sabine Thiel nicht alleine, in der Selbsthilfegruppe für Angehörige, die sie seit März 2009 in Duisburg betreut, berichten auch andere Mütter, Väter, Freunde, Kollegen, Partner von solchen Aussagen. Die von großer Unkenntnis zeugen. Was aber vielleicht auch kein Wunder ist, weil diese Persönlichkeitsstörung sehr schwer zu fassen ist, weil auf dem Gebiet noch viel geforscht wird und über einige Dinge unter Fachleuten kein Konsens besteht.
Allgemein gesagt: Zwischenmenschliche Beziehungen von Borderline-Persönlichkeiten sind sehr instabil und impulsiv, genauso wie ihre Stimmungen und das Selbstbild dieser Menschen. Das kann sich äußern in starken Stimmungsschwankungen, in heftigen Wutanfällen, in einem abrupten Wechsel zwischen Nähe und Distanz zum geliebten Menschen, in selbstzerstörerischem Verhalten. „Viele verbinden mit Borderline das Ritzen oder Selbstverletzen”, sagt Sabine Thiel, „das muss aber nicht dazu gehören. Es kann sich auch um andere selbstzerstörerische Maßnahmen handeln wie Tablettenmissbrauch oder unkontrolliertes Einkaufen und Geld ausgeben.” Mit welchem Vorurteil Sabine Thiel aber unbedingt aufräumen möchte: dass Borderline-Persönlichkeiten für andere Menschen gefährlich seien, „sie sind gegen sich selbst aggressiv”, so die Mutter eines betroffenen Sohnes. Und was die Sache mit der „Modekrankheit” betrifft: „Kein Arzt diagnostiziert einfach 'Borderline' bei einem Patienten, nur weil er ihn nicht einordnen kann”, so ihre Erfahrung.
Eine mögliche Ursache für die Störung können Gewalterfahrungen oder sexueller Missbrauch in der Familie sein. Das muss nicht so sein, aber genau dieser Makel lastet auf Angehörigen, die sich schuldig fühlen und „in soziale Isolation geraten”, sagt Sabine Thiel. Die Gruppe kann dabei Unterstützung bieten, hier können sich die Angehörigen austauschen darüber, wie schwer das Miteinander mit einem Borderliner ist. Sabine Thiel (21) sagt auf ihren Sohn bezogen: „Mit der Zeit bin ich zum Seismographen geworden, habe nur auf seine Stimmungen geachtet und mich selbst ganz hinten angestellt.” Auch dafür ist das Selbsthilfe-Angebot da: Um zu lernen, den „Grenzgängern” (Borderlinern) Grenzen zu setzen.
Treffen
Die Selbsthilfegruppe trifft sich alle 14 Tage in den Räumen der Selbsthilfekontaktstelle in Duisburg, Musfeldstraße 161-163. Das nächste Treffen findet am Mittwoch, 4. November, ab 18 Uhr statt. Wenn sich genug Interessenten finden, will Sabine Thiel auch in Oberhausen eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Borderlinern aufbauen. Weitere Informationen dazu unter 410 01 80 oder 01637 63 41 00. Im Internet: http://www.grenzgaenger-duisburg.de/

12:44
Hallo Frau Thiel,
Und es gibt hoch funktionale (im wahrsten Sinne des Wortes!) Borderliner.
Sie gehen meist hochqualifizierten Arbeiten nach und haben ein Arbeitspensum das andere nur bewundern.
Sehr bedenkliche Sätze, zumal aus dem Munde einer besorgten Mutter. Warum erscheint Ihnen dies so wichtig?
Bedeutender ist doch erst mal die Gesundung eines Menschen, alles andere wird sich dann sicherlich fügen.
Meist kann man den BL-Erkrankten nicht isoliert von seinem sozialen Kontext sehen.
Erst wenn ausgeschlossen wurde (nach neuesten Erkenntnissen ca. 10 - 20 Prozent der Erkrankten, bei denen die Ursachen unklar sind), daß äußere Umstände unwahrscheinlich sind, wird von einer stark genetischen Disposition ausgegangen, die aber nach wie vor nicht genauer definiert oder festgemacht werden kann an einzelnen Genen oder Genkombinationen.
14:02
Liebe Bine,
im Artikel wird der Problemkern gut geschildert - und ich denke, dass nun einige Lenker nachdenklich werden.
Ich werde den Artikel auch bei meinen Kontakten anbringen - mal sehen wie diese reagieren.
Ist Rüttgers auch mit dem Artikel konfrontiert worden.
Liebe Grüße aus/von der Risahöhe - Elgin & Friedemann
08:35
Ich habe noch vergessen zu erwähnen, dass mein Sohn 21 Jahre alt ist.
Ich bin 44 Jahre. Im Artikel ist es unglücklich abgedruckt. Aber ich denke jeder sieht an dem Foto, das ich älter als 21 bin. ;)
08:00
Vielen Dank für das Lob.
Ich möchte auch anderen Mut machen, denn Borderliner sind liebenswerte Menshen, die auf keinen Fall in die Ecke gehören, in die sie und ihre Angehörigen gedrängt werden.
Wer weiß schon so genau, ob er nicht auch einen Borderliner in seinem sozialen Umfeld hat?
Schließlich tragen diese Menschen kein Mal auf der Stirn!
Und es gibt hoch funktionale (im wahrsten Sinne des Wortes!) Borderliner.
Sie gehen meist hochqualifizierten Arbeiten nach und haben ein Arbeitspensum das andere nur bewundern.
Wir sollten aufhören, Menschen in Kästen zu stecken oder zu isolieren.
09:18
Man kann sich bei Frau Thiel für den Mut bedanken, öffentlich zu bekennen, dass Sie die Mutter eines an Borderline erkrankten Sohnes ist.