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Grandiose Premiere von Musils "Törleß"

15.11.2009 | 08:54 Uhr
Grandiose Premiere von Musils "Törleß"

Oberhausen. Wo will das Theater noch hin auf seinem steilen Weg in die Spitzengruppe der deutschsprachigen Bühnen? „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ am Freitagabend im Malersaal wuchsen zu einem der eindringlichsten, atemlosesten Abende in der nunmehr nahezu 90-jährigen Geschichte des Hauses.

Törleß im Theater Oberhausen.

Robert Musil blickt in seinem Roman aus dem Jahre 1906 tief in die deutsche Seele, skizziert eine urdeutsche Befindlichkeit mit dem Starken, der sich am Schwachen misst, weil die Masse, die Mitte, ohnehin mitlaufen wird. Es ist ein Mosaik der Schonungslosigkeit, das Musil da am Beispiel der jungen Männer zusammenfügt, die im Konvikt zur Zeit der österreichisch-ungarischen k. u. k. Monarchie zwischen militärischer Kaderschmiede und erzklerikalen Erziehungsmustern zu Siegern und Verlierern geformt werden – und zu Mittätern, die sich durch willfähriges Schweigen schuldig machen.

Es ist nicht die vordergründige Geschichte um die körperliche Tortur Basinis, den seine Mitschüler Törleß, Beineberg und Reiting beim Stehlen erwischt haben; Musil erhellt vielmehr den unwiderstehlichen Reiz, den die seelischen Demütigungen Basinis auf Törleß ausüben, der die rohe auch sexuelle Gewalt der beiden Anderen verachtet, gleichzeitig aber sein zerstörerisches Psychospielchen mit Basini treibt. Gleichwohl verstört es Törleß, dass er die Ursachen dieses Faszinosums nicht benennen, das Geheimnis der Seele des Menschen nicht entschlüsseln kann. Wenn sie den Körper verlässt, ist dies wirklich der Augenblick der Unsterblichkeit? So ist die brutal ausgeübte Selbstjustiz an Basini allenfalls eine an der Oberfläche einprägsame Klammer für psychisch und moralisch enthemmte junge Männer, deren Pubertät von Sadismus und Ich-Bezogenheit geprägt ist. Der Schulhof von heute, er ist nicht weit weg von diesem ländlich sittlichen Internat, von diesen irrlichternen Kreaturen beim Versuch der Selbstfindung.

Regisseur Roland Spohr verdichtet die Seelenlosigkeit dessen noch, was Musil auf den aufkeimenden Nationalsozialismus mit all seinen Widerwärtigkeiten deuten lässt. Tobias Schunk gibt dem bedrohlichen Treiben des Quartetts nur zwei helle Sessel, einen Barwagen und vier weiße Leinwandstreifen, auf denen Friedrichs Schönigs hemmungslos dicht geführte Kamera das Geschehen teils in verzerrenden, dann wieder realistischen Bildern reflektiert.

Es fröstelt im fiktiven Raum

Törleß im Theater Oberhausen.

Wie schon bei „Trüffelschweine” vor Jahresfrist schafft das Duo Spohr/Schönig so eine tief bewegende experimentelle Dokumentation. Man sieht 90 Minuten ultimativ fesselndes Kammerspiel mit einem überragenden Ensemble, das die kaum mehr latent fortschreitende Bedrohung einer zivilisierten, toleranten Gesellschaft mit gefährlich leisem Spiel sichtbar macht. Nur wenige Sequenzen etwa zeigen - dann aber in brutaler Andeutung - die körperlichen Misshandlungen Basinis, weit mehr gewinnt die psychische Folter, das Auskehren der Seele aus dem Körper in seiner scheinbaren Beiläufigkeit eine bittere Normalität.

Es wird empfindlich kalt in diesem fiktiven Raum, das geniale Zusammenspiel der beiden jungen Profis Caspar Kaeser und Björn Gabriel sowie der beiden phantastischen Kölner Schauspielstudenten Sebastian Schmeck und Stephan Weigelin lässt einen frösteln bis zum „I Wanna Go Home” des brillanten Musikers Karsten Riedel. Er formt aus Free Jazz, experimenteller Musik, lyrischen Balladen und der Titelmelodie des „Paten” eine Elegie, die Musils bittere Vorausschau in eine Gegenwart hinüberträgt, in der es wieder hoffähig ist, das Recht des Stärkeren zu postulieren. Und es sind nicht nur die tumben Schläger rechtsaußen, der Druck von ganz oben auf ganz unten ist in der Mitte angekommen. Herr und Knecht - es wird geführt, es wird gefolgt, und es wird zugesehen. Damals wie heute.

Termine und Karten

Man habe einen „faszinierenden, bewegenden Theaterabend” erlebt, sagt Intendant Peter Carp bei der Premierenfeier. Er habe damals als Teenager Volker Schlöndorffs Verfilmung „Der junge Törless” gesehen und die Geschichte eigentlich nicht begriffen: „Heute habe ich sie zum 1. Mal richtig verstanden.” Weitere Termine sind der 17.11., 19.30 Uhr, der 29.11. u. 6.12., je 18 Uhr, und der 15. u. 23.12., je 19.30 Uhr im Malersaal. Karten:  8578 184 o. www-theater-oberhausen.de

Michael Schmitz

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