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Goethes Faust als Ein-Mann-Stück

21.01.2010 | 18:34 Uhr
Goethes Faust als Ein-Mann-Stück

Oberhausen. Am Theater Oberhausen wechselt Hydar Zorlu die Rollen wie Models ihre Designer-Roben. Der Schauspieler wagt sich an Faust I und schlüpft mühelos in die Rollen von Faust, Mephisto und Gretchen. Manchmal ist er in außerdem Erzähler - bald auch auf Türkisch.

Die Welt ist ein großes Rätsel. Der Mensch sitzt darin auf einem fragwürdigen Thron. Dieser Thron, ja, der ist in Haydar Zorlus Fall ein mit rotem Stoff bespannter Stuhl. Kein modernes Möbel, nein, fein gedrechselt eine Reminiszenz an eine vergangene Zeit. Leuchtend rot muss der Stuhl sein, ist er doch die einzige, immer wieder geschickt genutzte Requisite in diesem 70-minütigen Ein-Mann-Stück, in dem es der Schauspieler, der 41-jährige Deutsch-Türke, mit Weltliteratur aufnimmt. Goethes Faust, ganz großes Theater im Taschenformat.

Zorlu, das ist die multiple Persönlichkeit, die vor schlicht schwarzer Kulisse im Theater Oberhausen die Rollen wechselt wie Models ihre Designer-Roben. Mal ist er Erzähler mit großartiger Gestik. Erzählen, das kann er gut. Die Zuschauer mitnehmen. Dann ist er Moderator, der mit Brechtschen Verfremdungseffekten spielt. Dann Faust, Mephisto, Gretchen, sogar Gott.

Hexenkessel

Letzterer müsste er wohl wirklich sein, wollte er das Gewicht dieser Charaktere mühelos ganz allein stemmen. Wie soll ein einziger diesen brodelnden Hexenkessel an Emotionen, an innerer Zerissenheit, Verzweiflung, Diabolik, Liebesschmerz über den Theaterbesuchern ausschütten. Zorlu müsste ein Reinhold Messner der Schauspielkunst sein, einer, der ohne Sauerstoffgerät drei Kumpanen auf den Mount Everest schleppt – zudem mit Giganten wie Gründgens und Quadflieg im Nacken. Unmöglich. Und so wählt er geschickt einen anderen Weg. Einen, der durchs Flachland führt, ohne dass der Stoff einebnet.

Sicher, der Faust, dieser Teutone, das ist vielleicht nicht so das Ding eines mit orientalischem Temperament gesegneten Menschen. Aber der Mephisto, der Böse, der Heftige, der Verführer, der liegt ihm. Das Gretchen auch, das einfache Gemüt. Die Naivität. Der Herz-Schmerz. Die Wechsel gelingen Zorlu mühelos. Geschickt nutzt er den Stuhl. Oder eine schwarze Wandbespannung, um kurz dahinter zu verschwinden, als ein anderer wieder aufzutauchen. Kafkaesk wirkt sein Spiel zuweilen. Er spielt mit der Sprache des wortgewaltigen Goethe, der Jahrzehnte an seinem Faust schrieb. Als Wanderer zwischen den Kulturen rettet Zorlu als Zeitreisender die Klassik rüber in dieses Jahrtausend. Dabei geht manches verloren. Faust speckt ab. Wird zu einem Faust-light, mit Schwerpunkt auf der Love-Story. Und bleibt doch bei allem ein Schwergewicht im Vergleich zu jeder TV-Serie.

Wagnis

Ein Deutsch-Türke, der Faust I spielt, wieder so ein Wagnis des Theaters. Wie heißt es: Wer wagt gewinnt. Voll Spannung darf man nun auf Zorlus Auftritt warten, wenn er im Theater den Faust am Donnerstag, 18. März, gibt – dann auf Türkisch. Eine neue, eine Welt-Premiere. Ein neuerliches Wagnis.

Kommentar

Weltliteratur zu verändern, an die Werke großer Dichter Hand anzulegen, kann mächtig schief gehen. Grausam mag es werden, wenn man etwa Shakespeare in die Sprache unserer Zeit übersetzt. Sprache, die ein Kunstwerk für sich ist, so filigran, so fein, die so sehr ihre eigene Musik hat, die darf man nicht ungestraft ändern, ohne dass am Ende ein Missklang steht. Haydar Zorlu hat mit seiner Darstellung einen Spagat gemeistert. Er hat Weltliteratur abgespeckt und dem Werk einen Rahmen gegeben. Aber einen würdigen. Sein Faust-light macht Lust auf das komplette Menü.

Andrea Micke

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