Globalisierungskritik beim Tee
23.11.2007 | 17:40 Uhr 2007-11-23T17:40:00+0100Dr. Rupert Neudeck, Gründer des Not-Ärzte-Komitees Cap Anamur und heute im Verein Grünhelme aktiv, macht in der Rauchbar den Wohlstand der reichen Länder für das Elend in der Dritten Welt verantwortlich
Tee trinken, Plaudern und Abwarten. Das taten am Donnerstagabend in der Rauchbar Mohammad-Ali Behboudi, Franziska Weber und Hartmut Stanke, allesamt Schauspieler des Theater Oberhausen. Als prominenten Gast haben sie sich zum Tee Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme e.V., auf die kleine Bühne geholt: Roter Teppich, Korbmöbel und ein Samowar verbreiten Gemütlichkeit. Weniger gemütlich ist das Thema des Abends: „Ist das Elend der Dritten Welt unser Wohlstand?” Wird diese Diskussion angeschnitten, ist das Wort Globalisierung nicht fern. Ob sie nun Fluch oder Segen ist, bleibt offen. Rupert Neudeck: „Die Globalisierung ist nicht an der Unterdrückung der Dritten Welt schuld, die Mobilität und Kommunikation, die sie uns ermöglicht, ist grundsätzlich nichts Schlechtes”, so der Philosoph, Germanist, Theologe und Soziologe. Das Problem der Globalisierung sei, dass sie der Profitgier auf Kosten anderer keine Schranken mehr biete. Daran, dass die Menschen der Ersten Welt auf Kosten der Menschen in der Dritten Welt leben, ließ Rupert auch an anderer Stelle keinen Zweifel: „Die Herrschaft durch Verschuldung, schloss bruchlos an die Herrschaft durch Kolonialismus an.” Schließlich zahlen Dritte Welt Länder jährlich etwa das Dreifache des Betrages, den sie von der Ersten Welt als Entwicklungshilfe bekommen, als Schuldentilgung an diese. Das kolonialistische Denken der Europäer, sie seien den Menschen der Dritten Welt überlegen, sei immer noch in den Köpfen der Menschen verankert: „Wir sind reich, weil wir fleißig sind und die sind arm, weil sie faul sind”, fasste es Mohammad-Ali Behboudi plakativ zusammen. Gegen das Vorurteil arbeitete Rupert Neudeck: „Stellen Sie sich vor, Sie müssten hunderte Kilometer zu einer Wasserstelle laufen - ich glaube kaum, dass wir diese Menschen als faul bezeichnen können.” Dennoch zeigte sich der mehrfache Preisträger ehrlich: „Auch ich ertappe mich manchmal noch bei dem Gedanken, dass ich ein besserer Mensch bin.” Die für das Publikum offene Diskussion im Anschluss an das Podium auf der Bühne blieb kurz, das Publikum schien nur wenige Fragen zu haben, etwa: „Was für Menschen sind das, die Millionen an der Ausbeutung der Dritten Welt verdienen?”, fragte eine Zuschauerin und Rupert Neudeck antwortete prompt: „Es sind zunächst einmal die europäisch-atlantischen Konzerne, die sich nichts dabei denken, aber auch die grausame und verantwortungslose Elite der Dritten Welt.” Diese beiden Gruppen arbeiten zusammen: „Sie haben keine Moral, die Marktgesetze sind räuberisch, gegen diese Konventionen muss man vorgehen”, rief Rupert Neudeck energisch auf. Seine Hoffnung für die Zukunft: „Ich hoffe, dass es bald eine Generation gibt, die gegen diese Weltordnung rebellieren wird, denn ohne eine Rebellion wird es nicht gehen.” Bis dahin: Tee trinken, plaudern und abwarten - die Erste Welt kann es sich leisten.

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