Gewalt als Kick
09.01.2010 | 06:00 Uhr 2010-01-09T06:00:00+0100Bei den Schlägern steigt der Adrenalinspiegel. Sie fühlen sich gut. Die Opfer sind die Tankstellen für ihr Selbstwertgefühl. Ein Interview mit Paul Fuchs, Diplomsozialarbeiter und Stadtjugendpfleger.
Paul Fuchs ist Diplomsozialarbeiter und Stadtjugendpfleger. Der 51-Jährige absolviert mit verurteilten Schlägern ein Anti-Aggressivitäts-Training und hat bereits mit rund 500 Gewalttätern aus Oberhausen, Duisburg und Dinslaken gearbeitet. Mit Paul Fuchs sprach Redakteurin Andrea Micke.
Wie sehen Sie die Rolle der Täter?
Fuchs: Wir sagen ihnen, du bist schuldig. Du hast Dich mit deiner Schuld und dem Opfer auseinanderzusetzen. Was unterm Strich immer bleibt: Die Entscheidung, Gewalt anzuwenden, trifft immer der Täter, egal, wie das Opfer sich verhält.
Arbeiten Sie auch mit gewalttätigen Frauen?
Brutale, körperliche Gewalt ist männlich. Männer üben häufiger körperliche Gewalt aus, weil sie aggressiver sind als Frauen. Sie haben das eine oder andere Tröpfchen Testosteron mehr.
Wie viele gewalttätige Männer gibt es?
Das Problem ist, es werden nicht einmal fünf Prozent aller Körperverletzungen zur Anzeige gebracht. Auf das Konto der jungen Männer, mit denen ich arbeite und von denen die meisten zwischen 17 und 25 Jahre alt sind, gehen im Durchschnitt jeweils 450 Körperverletzungen. Bei manchen liegt die Zahl der Delikte auch im vierstelligen Bereich.
Wie sind die Schläger gestrickt?
Sie kommen meist aus sozial schwachen Familien. 99 Prozent der Täter waren selber Opfer – in der Regel von häuslicher Gewalt. Sie lernen oft schon im zarten Alter von drei Jahren, dass Gewalt, dass Schläge eine schnelle Konfliktlösungsstrategie bedeuten. Sie erfahren, Gewalt macht Spaß. Empathie wird ihnen abtrainiert durch Lieblosigkeit, Misshandlung, durch schlechtes Modelllernen.
Was geht dann in diesen Menschen vor?
Sie sind selber nie mit Respekt behandelt worden. Den fehlenden Respekt haben sie durch Angst ersetzt. Sie haben selbst keinen Respekt mehr und können Regeln verletzen, obwohl sie die Regeln sehr genau kennen.
Warum wählen sie dann den Weg der Gewalt?
Gewaltanwendung hat in den meisten Fällen was mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun. Die Täter nutzen ihre Opfer als Tankstellen für ihr Selbstwertgefühl. Die Phasen, in denen nachgetankt werden muss, werden immer kürzer. Sie steigern mit der Gewalt ihr Selbstwertgefühl. Gleichzeitig geraten sie in Kontakt mit Polizei und Justiz, erfahren Vorbehalte. Eben die negative Seite der Gewaltanwendung. Das kompensieren sie durch neue Gewalt.
Sie sagen, Gewalt macht diesen Menschen Spaß?
Der Adrenalinspiegel steigt bei jeder Form von körperlicher Auseinandersetzung. Das gibt einen Kick. Man fühlt sich größer, als man ist. Die Gewalttäter, mit denen ich zu tun habe, arbeiten vorsätzlich, damit es ihnen besser geht.
Ist bei den Delikten Alkohol im Spiel?
Fast alle schweren Gewalttaten werden unter Einfluss von Alkohol begangen. Wobei, die Ausrede, ich war so besoffen, ich wusste nicht mehr, was ich tat, nicht gilt. Wer 'so' besoffen ist, der kann auch nicht mehr zielgerichtet zuschlagen.
Welche Überlegungen spielen bei Ihrer Arbeit eine Rolle?
Wichtig ist nicht die Frage, warum tun sie es, sondern warum tun andere es nicht. Wenn Menschen eine gesunde Lebensbasis haben, gekennzeichnet durch beispielsweise gesellschaftliche Anerkennung, Ziele oder emotionale Geborgenheit, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Gewaltanwendung dramatisch.
Hat Gewalt zugenommen?
Kaum. Aber die Tugenden, die die Gesellschaft so prima zusammenhielten, gehen verloren. Wir haben einen Wertewandel, und auch bei den Tätern hat ein Wertewandel eingesetzt. Wenn ich Gewalt anwende, um jemandem zu zeigen, dass ich der Chef bin, kriegt der ein-, zweimal was auf die Schnauze. Wenn ich mein Selbstwertgefühl aufpolieren will, muss ich das Opfer erniedrigen.
Wie sieht der typische Schläger aus?
Er ist nicht zwei Meter groß, nicht die typische Schrankwand. Täter sind eher von durchschnittlicher Statur, aber kräftig.
Und wie sieht der Täter sein Opfer?
Die Basis der Gewaltanwendung ist die Dehumanisierung des Opfers. Der Täter arbeitet mit Beschimpfungen wie die „Zecke”, das „Vieh”. Er sieht nur noch die X-Kilo Fleisch.

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