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EM 2008

Freundschaft gewinnt

26.06.2008 | 01:19 Uhr

Im Kindergarten Emek muss niemand Multikulti spielen, hier wird das Zusammenleben der Nationen tagtäglich einem Praxistest unterzogen. Gemeinsames Fiebern beim deutsch-türkischen Halbfinale ist also selbstverständlich. Ein ganz besonderer Elternabend.

Celina (10) ist für Deutschland – das kann auch ruhig jeder sehen. Foto: WAZ, Tom Thöne

„Wenn die Deutschen gegen die Türken spielen, dann gucken wir zusammen!” Anja Olejniczak hatte das nur so dahingesagt. Es sollte mehr ein Scherz ein. Sie hat nicht wirklich geglaubt, dass es dazu kommen würde. Jetzt sitzt sie da, ein deutsches und ein türkisches Fähnchen aufs Gesicht gepinselt, verteilt Schüsseln mit Popcorn und türkischem Gebäck auf den kleinen Tischchen und begrüßt in Fahnen gehüllte Eltern und Kinder. Noch 15 Minuten bis zum Anpfiff. Deutsch-türkisches EM-Halbfinale im Kindergarten Emek – ein Heimspiel.

Fähnchen, Schweißband und Perücke, in schwarz, in rot, in gold – die deutschen Fans haben alles mitgebracht, was sie auftreiben konnten. Aber keine Chance gegen das türkische Aufgebot: weiße Hosen, rote Tops, große Fahnen, die als Umhang dienen, ein Mädchen ist übers ganze kleine Gesichtchen geschminkt. Auch zahlenmäßig scheinen sie überlegen, immer mehr türkische Familien kommen rein, manchmal gleich drei Generationen auf einmal.

Alles unwichtig in dieser Kita, jeden Tag und heute ganz besonders. Man will zusammen feiern, das ist hier das Wichtigste, die Anfeuerungsrufe sollen nur spaßeshalber provozieren. Multikulti ist hier keine Phrase, das spürt man.

Trotz aller Harmonie, jeder hat für sich entschieden, zu wem er hält. „Ich bin für die Türkei”, sagt Fatma Yüksel. „Okay, ich bin hier geboren und aufgewachsen, aber die stärkere Bindung habe ich doch in mein Herkunftsland.” Und Fußball sei „eine Möglichkeit, sich auszuleben und zu zeigen, dass man für sein Land ist.”

Fatma hat gerade Fachabi gemacht, jetzt will sie Kinderkrankenschwester werden. Die 18-Jährige scheint recht überzeugt von ihrem Standpunkt: „Ich habe auch einen türkischen Pass und den will ich auch behalten.” Ein paar Minuten später lenkt sie doch ein wenig ein: Würden die Türken nicht mitspielen, dann wäre auch sie für Deutschland, immerhin ihre zweite Heimat.

„Ich bin für Knoblauch”, sagt Ayse. Knoblauch, das sind für die 34-Jährige die Türken, Kartoffeln ihre deutschen Gegner. Mit Essen geht die fröhliche Frau sich aus, Ayse ist Hauswirtschafterin. Klöße, Bratkartoffeln, Sauerbraten – alles kein Problem, sagt sie. Und auch im Freundeskreis seien mehr Pommesfans als Dönerverdrücker. „Mein Leben ist weniger türkisch”, sagt Ayse. Doch beim Fußball hört's auf: „Mein Herz ist türkisch.”

Das gilt auch für Sabrina Seker. Liebt die 26-Jährige doch einen türkischen Mann, mit dem sie auch zwei Kinder hat. Die haben erst Türkisch gelernt, dann deutsch. Die 26-Jährige ist auch zur Religion ihres Liebsten konvertiert. Für die EM hat die Multikulti-Familie sich eine besonders kluge Taktik ausgedacht: „Erstmal halten wir zur Türkei. Und wenn die dann nicht mehr dabei ist, dann sind wir für Deutschland.”

Auch wenn die Erwachsenen alle ganz genau zu wissen scheinen, wo sie hingehören, den Kleinen ist noch nicht ganz klar, was hier eigentlich gespielt wird. Emre (7) sitzt an einem Tisch und spielt ein Brettspiel. Mit Danesh (13), dessen Eltern aus Sri Lanka kommen, und Sulja (9) aus Serbien. Wer soll gewinnen? Emre zuckt mit den Schultern: „Beide”, wünscht er sich.

20.45 Uhr. Die Nationalhymnen. Kindergartenleiterin Olejniczak legt sich voll ins Zeug. Anpfiff. „Egal, wer gewinnt”, sagt Olejniczak, „wir haben unser Ziel erreicht.”

Freundschaft gewinnt

Rusen Tayfur (Text), Tom Thöne (Fotos)



Kommentare
26.06.2008
11:21
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Name von Moderation entfernt | #4

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26.06.2008
09:18
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Name von Moderation entfernt | #3

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26.06.2008
07:36
Freundschaft gewinnt
von karlssonvomdach | #2

Am besten DICH!

26.06.2008
07:08
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Name von Moderation entfernt | #1

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