Fotografische Verbeugung vor der Stromgitarre

Zwischen B. B. King und Jimi Hendrix: Carl van der Walle im Gdanska.
Zwischen B. B. King und Jimi Hendrix: Carl van der Walle im Gdanska.
Foto: Christoph Wojtyczka
Was wir bereits wissen
„My Guitar Heroes“ zeigt im Gdanska die Fotografien Carl van der Walles. Schon als Schüler hatte der 67-Jährige die Rolling Stones vor der Kamera.

Oberhausen.. Das mit glutvollen Rezensionen gepriesene Rock-Fotobuch der Saison reißt keine neuen Saiten an, sondern heißt „The Drum Thing“: Dafür hat sich die irische Fotografin Deirdre O’Callaghan mal ganz den hinter ihren Schießbuden versteckten Schlagzeugern gewidmet. Doch das glamourösere Status-Instrument bleibt natürlich „the Axe“, die Stromgitarre.

Die vom passionierten Rocksänger Winfried Baar geleitete Kunstinitiative Ruhr (KiR) präsentiert im Gdanska zur Einstimmung aufs nahende Guitar Festival, logisch, „My Guitar Heroes“, Aufnahmen eines halben Rock-Jahrhunderts des Dortmunders Carl van der Walle.

Für die ersten Konzert-Fotos hatte dem heute 67-jährigen freien Mitarbeiter des Rock-Magazins „Eclipsed“ noch seine Mutter die Familien-Vogtländer ausgeliehen – und ein paar Tipps mitgegeben, wie die Kamera für Menschen in ekstatischer Bewegung einzustellen sei. „Es waren Erinnerungsfotos“, sagt Carl van der Walle, damals noch Schüler in Aurich. Aus der siebenten Reihe – „die Eintrittskarte habe ich noch“ – fotografierte er die Rolling Stones in der Bremer Stadthalle. Dokumentiert sind so im Gdanska auch die modischen Exzesse der Zeit: Mick Jagger zeigt Zunge und Bauchnabel im pinken Satin-Anzug, neben im Keith Richards (modisch unauffällig) auf einem Barhocker.

Als Student, der bereits für Zeitungen fotografierte, zog van der Walle immer weitere Festival-Kreise: von Aachen mit einem schrillen Auftritt der Krautrocker Can bis zum ausufernden Festival auf der Isle of Wight. Auf Südenglands matschigen Wiesen waren 1970 alle versammelt: The Who galten als lauteste Band des Planeten; ELP gaben ihren pompösen Einstand – und Jimi Hendrix spielte, gewohnt furios, eines seiner letzten Konzerte. „Neben Donovan habe ich im Gras gesessen“, erzählt Carl van der Walle, „aber er verstand mein Schulenglisch nicht“.

Bis 1973 war er gerne und ausgiebig in England unterwegs, spielte sogar mit dem Gedanken, „richtig Fotograf zu werden“. Schließlich kniete sich van der Walle aber doch noch ins Studium und arbeitete bis 2002 „sehr gerne“, wie er betont, als Lehrer, die letzten 23 Jahre an einer Grundschule in Unna. Erst im Vorruhestand stürzte er sich wieder „voll aufs alte Hobby“.

Seine jüngsten Porträt-Studien im Gdanska zeigen die „Heroes“ alter Artrock-Schule. Genesis-Gitarrist Steve Hackett wirkt seit Jahrzehnten nahezu unverändert; versonnen senkt sich sein Blick zur Gitarre. Steve Howe, dem Saiten-Virtuosen von Yes und Asia, haben sich die Tournee-Jahrzehnte ins Gesicht gefurcht – dessen Kerben die Bühnenlichter unbarmherzig ausleuchten.

Doch das hintergründigste Bild, noch in Schwarz-Weiß, zeigt den im Vorjahr verstorbenen B. B. King: Halb versteckt hinter „Lucille“, seiner Gibson, bannt sein Profil den Blick des Betrachters. Auge in Auge mit dem Paten des urbanen Blues. Dagegen bietet der glatt gegelte Joe Bonamassa nur ein Gehört-auch-dazu-Motiv. Ach ja, und der aktuelle Nobelpreisträger unter den Stakkato-Reimern ist hier auch zu sehen.