Theater
Faust als Feinkost
21.01.2010 | 17:35 Uhr 2010-01-21T17:35:00+0100
Der deutsche Klassiker gelingt Haydar Zorlu in seinem Schauspiel-Solo als leckeres Amuse-Gueule zum großen Goethe-Menü.
Beginnen wir mal mit einem echten Kalauer: Bei uns im Ruhrgebiet nimmt man gerne mal was Essbares „auf die Faust”. Goethes „Faust” dagegen ist gemeinhin als schwerer verdauliche Theaterkost bekannt. Ob gerade er zum Schnell-Imbiss taugt, darf zumindest angezweifelt werden. Einen eben solchen tischt uns der eher als Serien-Darsteller bekannte kölsch-türkische Schauspieler Haydar Zorlu aber jetzt auf. Um es vorweg zu nehmen: Sein Faust in nicht einmal 80 Minuten ist ein ausgesprochen leckeres Appetithäppchen, beinahe sogar eine vollwertige Mahlzeit. Gereicht wurde das Faust-Food am Mittwochabend im Oberhausener Schauspiel.
Die Erstaufführung des von ihm selbst erarbeiteten Schauspiel-Solos „Goethes Faust” spielte Haydar Zorlu im März 2009 in der Türkei, im „Kaisersaal” des Deutschen Generalkonsulats in Istanbul. Inzwischen hat er eine Fassung in türkischer Sprache geschrieben und ist dabei, sie einzustudieren. Die Uraufführung wiederum wird in Deutschland sein, sie ist für den 18. März am Theater Oberhausen geplant. Mit der deutschen Fassung ist Haydar Zorlu in Oberhausen noch einmal am Sonntag, 31. Januar, zu sehen. Um 20 Uhr beginnt das Gastspiel, Karten kosten 13 Euro (85 78-184). Infos zu Projekt und Schauspieler: www.haydar-zorlu.de
Große Bühne, große Bilder im Kopf, große Erwartungen: Dass der Theater-Sterne-Koch Gründgens ein kaum zu verbesserndes Mephisto-Rezept vorlegte, macht die Sache für Zorlu und sein Team (Klaus Adam, Text; Natalia Murariu, Text und Regie) nicht einfacher. Zumal der Mime die ursprünglich in strikter Trennkost angelegten Charakterzutaten Gott, Mephisto, Faust und Gretchen auf der Bühne ohne Bei-Köche bewältigen muss. Da herrscht große Einheitsbrei-Gefahr – die Zorlu jedoch schauspielerisch sehr differenziert umgeht.
Alte Küchenweisheit: Eine gute Reduktion ist die beste Grundlage. Ganz in schwarz gekleidet betritt der Schauspieler ungeschminkt eine bis auf einen Stuhl und eine kleine schwarze Wand leere Bühne. Einzelfarben beleuchten die Charaktere, Lichtwechsel wirken wie Filmschnitte. Das ist nicht neu, funktioniert hier aber bestens. Um die extrem eingedampften Monologe zu verbinden, nimmt man einen Erzähler zuhilfe – den praktischsten aller Bühnen-Soßenbinder. Auch nicht gerade einzigartig, aber er führt flott durch die Handlung und hat gleichzeitig die Möglichkeit, kurze, aber köstliche Kommentare abzugeben.
Das ganze große Goethe-Gänge-Menü ist in etwas mehr als einer Stunde natürlich nicht zu schaffen. Aber mit solider Kochkunst wie etwa großartiger Bühnenpräsenz, gewürzt mit kleinen Regie-Raffinessen, ist ein wunderbares Amuse-Gueule gelungen. Und Haydar Zorlu zelebriert soviel Lust an der Zubereitung, dass dem Gast das Wasser im Munde zusammenläuft: Feinkost!

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