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Vondern

Erinnerungen an jeder Straßenecke

19.08.2012 | 08:00 Uhr
Das Bürgerhaus in VonderFoto: Gerd Wallhorn

Oberhausen.   Walter Paßgang führt durch Vondern und gibt Einblick in die Geschichte des Stadtteils im Schatten der Burg

„Da habe ich als Kind früher immer meine Klümpkes für zehn Pfennig geholt“, sagt Walter Paßgang und zeigt auf die alte Verkaufsanstalt IV der Gutehoffnungshütte. Vondern ist seine Heimat. Bei einem ganz persönlichen Rundgang durch diesen Stadtteil im Schatten der Burg schildert er der NRZ seine Erinnerungen, lässt das Vondern seiner Kindheit lebendig werden.

„Früher war hier noch keine Autobahn“ erzählt Paßgang mit einem ausgestreckten Zeigefinger. „Da, wo heute die A42 lang führt, gab es eine große, grüne Wiese, wo wir immer drauf Fußball gespielt haben. Das war ja eigentlich verboten.“ Als Kind habe man derartige Vorschriften aber nicht immer so ernst genommen. Das galt auch für die Suche nach Eisenteilen auf der Erzhalde. „Wenn wir da was gefunden haben, brachten wir das zum Klüngelskerl. Der gab uns dafür dann immer 50 Pfennig.“ Das war damals die Art, sein Taschengeld aufzubessern.

Dem ein oder anderen Schabernack war man ebenfalls nicht abgeneigt. Die erste dazu passende Episode fällt Walter Paßgang ein, als er auf der Glückaufstraße sein altes Wohnhaus erblickt. Bei den Nachbarn etwa, wurden nach der Schule auch mal Erdbeeren aus dem Garten „gefringst“. „Fringsen“ – ein Wort ruft Erinnerungen wach – benannt nach dem Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, verstand man darunter nach dem Krieg das „Organisieren“ von Lebensmitteln und Heizstoffen. „Manchmal wurde man auch erwischt und kräftig ausgeschimpft.“ Lange böse war man den „Lausbuben“ aber nicht. „Es gab eine intakte Nachbarschaft.“ Jeder habe jeden gekannt. „Die Türen der anderen waren immer offen. Wenn man bei den Schulfreunden gespielt hat, konnte man anschließend zum Mittagessen bleiben.“

Fahrende Händler auf der Arminstraße

Unser Norden
Vondern, Insel zwischen Autobahn 42 und Güterzügen
Vondern, Insel zwischen Autobahn 42 und Güterzügen

Das Besondere des Stadtteils wird mit einem Blick auf den Stadtplan oder vom Gasometer runter sofort deutlich: Vondern ist eine Insel, gelegen zwischen Rhein-Herne-Kanal , Emscher und Autobahn 42 einerseits und dem Güterbahnhof Osterfeld Süd andererseits.

Der Weg in die ehemalige Bergarbeitersiedlung führt von der Osterfelder Straße in die Arminstraße, lang gezogene Hauptschlagader Vonderns. Im östlichen Teil kann der Stadtteil unter dem Emscherschnellweg über die Breilstraße oder in Richtung Bottrop über die Brahm-kampstraße verlassen werden.

Diese eingekeilte Lage zwischen den viel befahrenen Verkehrswegen A 42 und Rangierbahnhof beschreibt zugleich die Vorzüge und Nachteile Vonderns: „Wir würden viel mehr Beachtung finden“, ist sich Wilhelm Schmitz über einen Nachteil sicher. Schmitz ist Vorsitzender des Förderkreises der Burg Vondern und hat mit seiner Einschätzung sicher recht. Ein solches denkmalgeschütztes Kleinod wie die Wasserburg Vondern ist andernorts ein wahrer Touristenmagnet mit Gastronomie.

Was nicht heißen soll, dass auf Burg Vondern nichts los ist: Der Förderverein vermietet die neu angebaute Remise, das Gewölbe im Keller oder die erste Etage für private Feiern, das Trauzimmer wird über zwanzigmal im Jahr für Eheschließungen im ritterlichen Rahmen genutzt, erzählt Reinhard Lerch, ebenfalls im Vorstand des Förderkreises und zuständig für die Vermietungen. Dazu kommen die Führungen, die Sonntagsmatineen, historische Feste. . . Leben ist in dem alten Gemäuer, das 1982 vom Förderkreis in einem desolaten Zustand übernommen wurde.

Großes Zusammengehörigkeitsgefühl

„Um es baulich zu erhalten und der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen“, beschreibt Wilhelm Schmitz die Ziele des Vereins. „Wir belasten den Etat der Stadt nicht“, betont der ehemalige Stadtkämmerer. Darauf sind Schmitz, Lerch und die Mitstreiter des Kreises stolz: Mit den Einnahmen aus den Vermietungen, den Beiträgen der Mitglieder, mit Spenden und Zuschüssen der NRW-Stiftung pflegen sie die Burg, die damit zum Herzstück Vonderns geworden ist.

Was nicht selbstverständlich war, immerhin sollte der „Ostfriesenspieß“, die Autobahn 31, mal über das Gelände der Burg führen, die dafür weichen sollte. Das Schicksal blieb „dem ältesten Bauwerk Oberhausens“ (Schmitz) erspart. Jetzt würde sich der Förderkreis über den Lückenschluss der Lärmschutzwand an der A 42 freuen, denn das der bisher fehlt, beinträchtige die Veranstaltungen im Burghof doch sehr.

Apropos Insellage und die Vorzüge des Stadtteils: Reinhard Lerch, ehemaliger Abteilungssteiger und Bergingenieur, hat 40 Jahre in der Angestelltensiedlung jenseits von Burg Vondern gewohnt: „Das Zusammengehörigkeitsgefühl war immer sehr groß“, sagt Lerch, meint aber festzustellen, das dies in den letzten Jahren abgenommen hat. Trotz des Rauschens der Autobahn und der lärmigen Güterzüge: Das Wohnen hier hat Charakter, die zwischen 1907 und 1913 im Auftrag der Gutehoffnungshütte erbaute Bergarbeitersiedlung wurde an das Konzept der Gartenstadt angelehnt, Düsselbachweg und Glückaufstraße kommen geschwungen daher.

Vondern in Zahlen

Aber genau das, was die Planer der Siedlung damals mit bedachten, wird heute von Reinhard Lerch und den Bewohnern, die ihre Häuser von der Thyssen AG kauften, vermisst: eine öffentliche Infrastruktur. Zwar fährt ein Bus, der 957er, im 20-Minuten-Takt durch Vondern und es gibt eine Haltestelle direkt an der Burg, aber „es fehlen Einkaufsmöglichkeiten, Kneipen, öffentliche Versammlungsorte, Kindergärten“, sagt Reinhard Lerch. Denn die Verkaufsanstalt der GHH, ein wunderschönes Gebäude, und das Möhringsche Kinderhaus, später ein Bürgerhaus, werden längst nicht mehr in ihrer eigentlichen Bestimmung, sondern privat genutzt.

Vondern erfasst das Statistikamt der Stadt im Sozialraum Osterfeld-Süd. Die Ortsteile haben eine deutlich ausgewogenere Altersstruktur als anderswo im Norden und sind beliebtes Zuzugsgebiet: Jeder Fünfte ist ein Kind oder Jugendlicher (bis 17 Jahre), 18- bis 24-Jährige machen etwa neun Prozent der Bevölkerung aus, nur 14,6 Prozent sind 65 Jahre alt oder älter.

Osterfeld-Süd und Vondern haben die geringste Bevölkerungsdichte im Oberhausener Norden, die Arbeitslosenquote ist mit 7,7 Prozent zwar eine der höchsten im Norden - sie liegt aber unter der Oberhausener Quote von 8,6 Prozent. Die Mehrzahl der Anwohner (rund 40 Prozent) gehören keiner christlichen Konfession an.

Wieder auf der Arminstraße angekommen, gibt Walter Paßgang einen Einblick, wie es in einer Zeit vor Supermärkten und Lebensmittel-Discountern mit dem Einkaufen aussah. „Da gab es zwar die Verkaufsanstalt, wir nannten sie immer das Konsum, aber dort gab es ja längst nicht alles. Frisches Obst und Gemüse fehlten.“ Darum spielten die fahrenden Händler eine große Rolle. „Fisch gab es immer Freitag.“ Dann schallte es „Schellfisch, Kabeljau, Grüne Heringe“ durch die Gegend. „Am Donnerstag kam der Gemüsehändler und der Milchbauer kam sogar täglich.“ Die Händler hatten auch eine soziale Funktion. „Einmal ging eine ältere Nachbarin nicht mehr an die Tür. Da hat der Bauer am nächsten Tag Bescheid gegeben, so dass da nachgeschaut wurde. Es stellte sich heraus, dass die Frau im Flur auf dem Boden lag, ihr konnte dann geholfen werden.“

Fotos zeigen 150 Jahre Oberhausen

Auf dem Weg zum Vonderner Bürgerhaus fällt Walter Paßgang auch der Bäcker Brinkmann wieder ein, der zu Anfang noch mit der Pferdekutsche kam. Als er später ein Auto hatte, einen Llyod, mussten ihm die Jungs aus der Gegend helfen, denn der gute Mann hatte keinen Führerschein. „Wir haben den Wagen dann mit durch Vondern geschoben. Dafür gab es dann Brot mit Rübenkraut. Das kam uns fast vor wie Kuchen. Da konnte man auch mal fünf oder sechs Schnitten von essen.“

Schwimmen am Kanal

Auch im Sommer hatte Walter Paßgang nie Langeweile. „Wenn das Wetter mitspielte, sind wir zum Kanal gegangen, um dort schwimmen zu gehen.“ Dabei ging es nicht zimperlich zu. „Wer noch nicht schwimmen konnte, der bekam einen Fahrradschlauch um den Hals.“ Auch Drachen hat man steigen lassen. „Die waren aus Zeitungspapier selbst gemacht. Mit nassen Kartoffeln, die ja sehr stark kleben, haben wir die mit den Latten zusammengezimmert. Uhu oder andere Kleber waren ja Luxus.“

Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist Walter Paßgang die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. „Damals hatte ja kaum eine Familie im Viertel einen eigenen Fernseher.“ Also trafen sich die Vonderner in der Gaststätte Großholdermann, um die Spiele der deutschen Nationalmannschaft zu verfolgen. „Da waren über 100 Menschen, die das Geschehen auf einem kleinen Bildschirm verfolgten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie verraucht der Saal war.“

115 Jahre Nahverkehr

Von Marcel Sroka


Kommentare
19.08.2012
08:18
Erinnerungen an jeder Straßenecke
von bellis100 | #1

Hallo Herr Paßgang, toll Ihr Bericht. Der weckt Erinnerungen an ähnliche Begebenheiten in Klosterhardt, wo ich aufgewachsen bin. Allerdings gab es bei mir "Klüpkes" vonne Bude höchstens für zwei bis drei Pfennige.

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