Erinnerungen an jeder Straßenecke

Das Bürgerhaus in Vonder
Das Bürgerhaus in Vonder
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Walter Paßgang führt durch Vondern und gibt Einblick in die Geschichte des Stadtteils im Schatten der Burg

Oberhausen.. „Da habe ich als Kind früher immer meine Klümpkes für zehn Pfennig geholt“, sagt Walter Paßgang und zeigt auf die alte Verkaufsanstalt IV der Gutehoffnungshütte. Vondern ist seine Heimat. Bei einem ganz persönlichen Rundgang durch diesen Stadtteil im Schatten der Burg schildert er der NRZ seine Erinnerungen, lässt das Vondern seiner Kindheit lebendig werden.

„Früher war hier noch keine Autobahn“ erzählt Paßgang mit einem ausgestreckten Zeigefinger. „Da, wo heute die A42 lang führt, gab es eine große, grüne Wiese, wo wir immer drauf Fußball gespielt haben. Das war ja eigentlich verboten.“ Als Kind habe man derartige Vorschriften aber nicht immer so ernst genommen. Das galt auch für die Suche nach Eisenteilen auf der Erzhalde. „Wenn wir da was gefunden haben, brachten wir das zum Klüngelskerl. Der gab uns dafür dann immer 50 Pfennig.“ Das war damals die Art, sein Taschengeld aufzubessern.

Dem ein oder anderen Schabernack war man ebenfalls nicht abgeneigt. Die erste dazu passende Episode fällt Walter Paßgang ein, als er auf der Glückaufstraße sein altes Wohnhaus erblickt. Bei den Nachbarn etwa, wurden nach der Schule auch mal Erdbeeren aus dem Garten „gefringst“. „Fringsen“ – ein Wort ruft Erinnerungen wach – benannt nach dem Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, verstand man darunter nach dem Krieg das „Organisieren“ von Lebensmitteln und Heizstoffen. „Manchmal wurde man auch erwischt und kräftig ausgeschimpft.“ Lange böse war man den „Lausbuben“ aber nicht. „Es gab eine intakte Nachbarschaft.“ Jeder habe jeden gekannt. „Die Türen der anderen waren immer offen. Wenn man bei den Schulfreunden gespielt hat, konnte man anschließend zum Mittagessen bleiben.“

Fahrende Händler auf der Arminstraße

Unser Norden Wieder auf der Arminstraße angekommen, gibt Walter Paßgang einen Einblick, wie es in einer Zeit vor Supermärkten und Lebensmittel-Discountern mit dem Einkaufen aussah. „Da gab es zwar die Verkaufsanstalt, wir nannten sie immer das Konsum, aber dort gab es ja längst nicht alles. Frisches Obst und Gemüse fehlten.“ Darum spielten die fahrenden Händler eine große Rolle. „Fisch gab es immer Freitag.“ Dann schallte es „Schellfisch, Kabeljau, Grüne Heringe“ durch die Gegend. „Am Donnerstag kam der Gemüsehändler und der Milchbauer kam sogar täglich.“ Die Händler hatten auch eine soziale Funktion. „Einmal ging eine ältere Nachbarin nicht mehr an die Tür. Da hat der Bauer am nächsten Tag Bescheid gegeben, so dass da nachgeschaut wurde. Es stellte sich heraus, dass die Frau im Flur auf dem Boden lag, ihr konnte dann geholfen werden.“

Auf dem Weg zum Vonderner Bürgerhaus fällt Walter Paßgang auch der Bäcker Brinkmann wieder ein, der zu Anfang noch mit der Pferdekutsche kam. Als er später ein Auto hatte, einen Llyod, mussten ihm die Jungs aus der Gegend helfen, denn der gute Mann hatte keinen Führerschein. „Wir haben den Wagen dann mit durch Vondern geschoben. Dafür gab es dann Brot mit Rübenkraut. Das kam uns fast vor wie Kuchen. Da konnte man auch mal fünf oder sechs Schnitten von essen.“

Schwimmen am Kanal

Auch im Sommer hatte Walter Paßgang nie Langeweile. „Wenn das Wetter mitspielte, sind wir zum Kanal gegangen, um dort schwimmen zu gehen.“ Dabei ging es nicht zimperlich zu. „Wer noch nicht schwimmen konnte, der bekam einen Fahrradschlauch um den Hals.“ Auch Drachen hat man steigen lassen. „Die waren aus Zeitungspapier selbst gemacht. Mit nassen Kartoffeln, die ja sehr stark kleben, haben wir die mit den Latten zusammengezimmert. Uhu oder andere Kleber waren ja Luxus.“

Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist Walter Paßgang die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. „Damals hatte ja kaum eine Familie im Viertel einen eigenen Fernseher.“ Also trafen sich die Vonderner in der Gaststätte Großholdermann, um die Spiele der deutschen Nationalmannschaft zu verfolgen. „Da waren über 100 Menschen, die das Geschehen auf einem kleinen Bildschirm verfolgten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie verraucht der Saal war.“