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Eine Systemfrage

28.04.2009 | 17:21 Uhr

Die WAZ sprach mit Dr. Heinrich Vogelsang über Anspruch und Wirklichkeit des medizinischen Alltagsgeschäftes.

Müssen sich die Patienten in Oberhausen künftig darauf einstellen, dass sie von ihrem Hausarzt, den Fachärzten nur noch gegen Vorkasse behandelt werden?

Dr. Heinrich Vogelsang:

Also, diese Vorhaltungen machen mich echt sauer. Sie müssen sich mal eines vor Augen halten: Ein Hausarzt erhält 35 Euro pro Patient und Quartal als Honorar – egal, ob die Patienten einmal oder 15-mal zu ihm kommen.

Aha, und deshalb ist es also ganz in Ordnung, dass jetzt die Patienten zur Kasse gebeten werden?

Dr. Heinrich Vogelsang:

Quatsch. Was da in den Medien aufgebauscht wird, sind Einzelfälle. Richtig ist, dass einige Orthopäden – in Oberhausen allerdings kein einziger! – ihre Patienten auch mal privat zur Kasse gebeten haben. Für mich ist dieses Verhalten aber eher ein Zeichen dafür, dass die Kollegen von den ständigen Honorarkürzungen die Nase voll haben und überreagieren. Dennoch: Das geht natürlich nicht! Richtig ist aber ebenso, dass auch einige Patienten überzogene Erwartungen haben.

Inwiefern?

Dr. Heinrich Vogelsang:

Ich habe zum Beispiel hier das Schreiben eines 83-Jährigen, der sich über einen Kollegen beschwert, weil dieser ihm angeblich das benötigte Material für seinen künstlichen Darmausgang nicht verschreiben will. Bei der Überprüfung des Falles stellte sich heraus, dass der Kollege seinem Patienten bereits viel mehr verschrieben hatte, als ihm zustand. Jetzt erklären Sie das mal dem betroffenen Mann! Schwierig ist auch die Unterscheidung von Wunschleistung und Pflichtleistung, da kommt es immer wieder zu Missverständnissen.

Könnten Sie das mal genauer erklären?

Dr. Heinrich Vogelsang:

Wenn ich zum Orthopäden gehe und sage: Ach, messen Sie doch mal eben meine Knochendichte, ich will wissen, ob ich vielleicht Osteoporose habe – dann ist das eine Wunschleistung. Kommt aber ein Patient mit einem Knochenbruch zum Orthopäden und der Mediziner hat den Verdacht, dass es sich hier um Osteoporose handelt, ist die Dichtemessung eine Kassenleistung. Die Grenzen sind schmal. Allzu vorschnell hören wir die Unterstellung: Die Ärzte wollen nur Kohle machen. Ähnlich überzogen auch der Vorwurf, Mediziner würden Patienten einfach abweisen. Die Wirklichkeit sieht meist anders aus.

Und zwar wie?

Dr. Heinrich Vogelsang:

Wenn ich 100 Patienten habe, muss ich irgendwann mal sagen, mehr kann ich heute nicht behandeln. Wer jetzt noch kommt, muss wieder nach Hause gehen. Von Notfällen natürlich abgesehen! Denn sonst wird man unachtsam und es schleichen sich Fehler ein – und das ist das Letzte, was wir wollen.

Was fordern Sie für Ihre Kollegen?

Dr. Heinrich Vogelsang:

Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass mit den Honorarsätzen wie sie jetzt sind, die Grundversorgung unserer Patienten nicht mehr gewährleistet ist. Da muss dringend nachgebessert werden. Ich gebe Ihnen dazu ein Beispiel: Ich habe letztens meinem Handwerker gesagt: Ich zahle dir 70 Euro pro Quartal und dafür kommst du zu mir, wann ich das will und so oft ich das möchte. Sie können sich wohl vorstellen, wie der reagierte!

Dr. Heinrich Vogelsang ist Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Kreisstelle Oberhausen.

Barbara Hoynacki (Text) und Gerd Wallhorn (Foto)

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