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Ein besonderer Beruf, Märchentante

27.12.2011 | 17:45 Uhr
Ein besonderer Beruf, Märchentante
“Ich schmücke gerne aus, wenn ich merke, dass den Zuhörern eine Stelle besonders gefällt“: Sabine Schulz in Aktion. Foto: Markus Joosten / WAZ FotoPool.

Oberhausen.  Sabine Schulz nimmt Kinder und Erwachsene mit auf Reisen in Fantasiewelten. Erzählen ist gut gegen Stress, sagt sie.

„Es war einmal ein Müller, der hatte drei Söhne, seine Mühle, einen Esel und einen Kater.“ So beginnt das Märchen vom gestiefelten Kater und wenn Sabine Schulz diese Worte sagt, dann bringt sie Kinderaugen zum Funkeln und schickt sogar Erwachsene aus der Realität in die Fantasiewelt. Die 44-jährige Oberhausenerin ist Märchenerzählerin und reist mit vielen Geschichten zu Kindergärten, Geburtstagen, aber auch Geschäftsfeiern und Tagungen. Wenn sie aus ihrer Alltagskleidung in Pumphosen und Bluse schlüpft, streift sie sich auch die Rolle der Geschichtenerzählerin über.

Schon als Kind liebte Schulz Erzählungen und Bücher. „Meine Tante hat mir immer Märchen erzählt, und ich habe es geliebt.“ Seit sechs Jahren zieht sie nun selber umher, um von Frau Holle, Sterntaler und dem gelben Storch zu berichten. „Das Schönste ist es für mich, wenn ich merke, dass meine Zuhörer in ihre eigene Welt abtauchen. Vor allem bei Kindern verändert sich dann die ganze Haltung, der Blick wird anders und sie sind ganz in einer Traumwelt.“

Nicht konform miteuropäischem Regelwerk

Als klassische Erzählerin sieht sich Sabine Schulz nicht. „Laut der Regelungen und Satzungen der Europäischen Märchengesellschaft passe ich nicht haargenau auf die Beschreibung. Wahre Geschichtenerzähler sind ruhig und sprechen den ganz genauen Wortlaut der Märchen. Ich schmücke gerne aus, wenn ich merke, dass den Zuhörern diese Stelle besonders gefällt. Gerade dieser Austausch, dieses Zusammenwirken von den Hörern und mir, gefällt mir.“

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Die Märchen für ihr Repertoire findet sie bei Erzähler-Kollegen, bei Veranstaltungen. „Und ich lese sehr viel. Da entdecke ich dann etwas.“ Jetzt mag ein Unwissender denken: So schwer kann das doch nicht sein, Märchen zu finden. Doch der irrt. Denn Märchen sind nicht gleich Geschichten. „Märchen sind Volkserzählungen, also von Mensch zu Mensch weitergetragene alte Erzählungen. Geschichten hingegen werden von einer einzelnen Person erfunden.“ Wenn Sabine Schulz dann ein neues Märchen aufgespürt hat, macht sich die 44-Jährige ans Auswendiglernen. „Für das erste Aufnehmen lege ich mich hin, beim Gestalten laufe ich umher und gestikuliere. Und wenn ich dann zufrieden bin, müssen Freund und Familie herhalten, um ihr Urteil zu fällen.“

Neben den bekannten Märchen der Gebrüder Grimm,finden sich auch orientalische Märchen und Mittelalterliches im rund 90 Erzählungen umfassenden Geschichtenkoffer von Sabine Schulz. „Gerade die orientalischen Erzählungen sind häufig auch mit einer gewissen Erotik versehen, die von den Gebrüdern Grimm komplett aus den Märchen gestrichen wurde.“ In der schnelllebigen Welt sind Märchen für Sabine Schulz ein angenehmer Kontrast. „Gerade das mündliche Erzählen ohne vorgegebene Bilder regt das Kopfkino an, führt zu bewussterem Aufnehmen und zum Abschalten vom Stress.“

„Moral von der Geschicht’“höchstens unterschwellig

Trotz der häufigen „Moral von der Geschicht’“ sieht sich Schulz nicht als Erzieherin. „Klar finde ich es schön, wenn von den Märchen etwas bei den Zuhörern hängen bleibt. Mir selbst geben sie in schwierigen Situationen oft die Kraft weiterzumachen. Aber die Moral im Märchen wirkt unterschwellig, und das soll sie auch.“ Wichtiger ist ihr die unmittelbare Reaktion der Menschen. „Eines der schönsten Erlebnisse war es, als ein etwa vier Jahre altes Kind nach der Geschichte unvermittelt auf mich zu rannte und mich umarmte. Keine Spur von Angst vor einer Fremden, einfach nur Freude. Das hat mich berührt.“

Anna Blaswich

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