Diskussion über Ausbildungsabgabe

Gewerkschaften und die Wirtschaft ringen um Wege, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen.
Gewerkschaften und die Wirtschaft ringen um Wege, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Der DGB würde es begrüßen, wenn Ausbildungsbetriebe von einer Abgabe profitieren könnten. Die IHK und die Handwerkerschaft haben dagegen Bedenken.

Oberhausen.. Unternehmen, die selbst keine Auszubildenden aufnehmen, sollen nach dem Willen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) eine Sonderabgabe zahlen müssen, die dann Ausbildungsbetrieben zu Gute kommt. Auch die Landesregierung denkt über eine derartige Abgabe nach. „Die Ausbildungssituation, nicht nur in Oberhausen sondern im gesamten Ruhrgebiet und darüber hinaus, ist desolat“, erklärt Thomas Schicktanz, Vorsitzender des DGB in Oberhausen, die Hintergründe.

„Auf eine Stelle kommen in dieser Stadt zwei Bewerber. Deswegen dürfen wir nicht auf den guten Willen der Unternehmen vertrauen.“ Von Seiten der IHK und der Handwerkerschaft hagelt es dagegen Kritik. Hans Michaelsen, bei der Industrie- und Handelskammer zu Essen Geschäftsführer im Bereich Aus- und Weiterbildung, befürchtet ein „riesiges Bürokratiemonster“.

Beispiel Bauhauptgewerbe

Im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen auf Landesebene wird die Einführung einer „Ausbildungsplatzgarantie“ versprochen – nun sucht die Politik nach Mitteln und Wegen, diese umzusetzen. Dass dabei auch eine Abgabe für Unternehmen diskutiert wird, begrüßt Schicktanz. „Im Bauhauptgewerbe gibt es so ein Modell seit Jahren. Nach meiner Ansicht hat sich das auch bewährt.“ Der Gewerkschafter nimmt die Unternehmen in die Pflicht. „Es darf nicht sein, dass Firmen, die nicht selbst ausbilden, sich auf dem Arbeitsmarkt an den dann fertigen Azubis bedienen.“

Die Klagen der Wirtschaft, dass immer mehr Schulabgänger ungeeignet sind, will Schicktanz nicht gelten lassen. „Es mag den einen oder anderen Absolventen geben, der vielleicht nicht bereit ist, eine Ausbildung anzugehen. In der Masse kann das aber nicht als Begründung herhalten.“ Ob die Abgabe aber ein Allheilmittel ist, weiß auch der Gewerkschafter nicht. „Eine Förderung von Ausbildung muss in jedem Fall erfolgen.“

Die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Mülheim-Oberhausen, Barbara Pezzei, lehnt eine „Strafabgabe“ ab. „Das ist aus unserer Sicht ein falscher, ein negativer Anreiz. Die Entscheidung nicht auszubilden, hat andere Gründe als allein finanzielle.“ Darum könne eine Zwangsabgabe keine Verbesserung der Ausbildungssituation herbeiführen. „In den Innungen haben wir ein Solidarprinzip, durch das die überbetriebliche Ausbildung finanziert wird. So wird die Last verteilt.“ Die „Unterstellung“, dass die hiesigen Handwerksunternehmen zu wenig ausbilden, weist Pezzei zurück. „Viele unserer Firmen nehmen auch Bewerber, die vielleicht noch etwas Nachholbedarf haben.“

Wirtschaft muss Ausbildungsplätze schaffen

Hans Michaelsen von der IHK steht einer Ausbildungsplatzabgabe ebenfalls eher kritisch gegenüber. „Das wäre ein Bürokratiemonster, über das sich gerade Juristen freuen würden.“ Er erhalte dagegen oft die Rückmeldung von Unternehmen, dass Schulabgänger keine Ausbildungsreife besitzen. „Diese jungen Leute müssen dann erst weitere vorbereitende Maßnahmen durchlaufen.“ Dennoch spricht er von einer „berechtigten Sorge“, dass Unternehmen nicht ausreichend Ausbildungsplätze für alle Bewerber anbieten. „Wir sprechen jeden Unternehmer an und versuchen positiv einzuwirken.“ Schließlich würde nicht nur die Gesellschaft im Schnitt immer älter, auch die Belegschaften der Firmen. „Darum ist Ausbildung eigentlich ein Kernthema.“

Eine differenzierte Meinung hat Jochen Kamps, Chef der Arbeiterwohlfahrt und der Arbeitsmarktpolitischer Sprecher der Oberhausener Wohlfahrtsverbände. „Grundsätzlich ist es eine Verpflichtung der Wirtschaft, Ausbildungsplätze zu schaffen. Dass sich einige Unternehmen dieser entziehen und nur auf dem Arbeitsmarkt nach fertigen Arbeitnehmern suchen, das ist nicht richtig.“ Eine junge Frau oder einen jungen Mann auszubilden sei eine teure Angelegenheit. „Wenn dann ein Unternehmen später die Azubis nach ihrem Abschluss abwirbt, ist das nicht in Ordnung.“ Gleichzeitig gesteht Kamps den Unternehmen jedoch zu, dass an den Klagen nach einer mangelnden Ausbildungsreife vieler Schulabgänger durchaus etwas dran sein kann. „Ob die Ausbildungsplatzabgabe ein Allheilmittel ist, bezweifle ich.“