Die Gitterstäbe der Gesellschaft

Düster und kraftvoll: Anja Schweitzer, Hartmut Stanke, Peter Waros und Angela Falkenhan auf der Bühne der „Sturmhöhe“ im Theater Oberhausen.Foto:Birgit Hupfeld
Düster und kraftvoll: Anja Schweitzer, Hartmut Stanke, Peter Waros und Angela Falkenhan auf der Bühne der „Sturmhöhe“ im Theater Oberhausen.Foto:Birgit Hupfeld
Was wir bereits wissen
Lily Sykes hat Brontës literarisches Sittengemälde „Sturmhöhe“ inszeniert.Premiere am Theater Oberhausen entführt Zuschauer an einen magischen Ort.

Oberhausen..  Als gelungenes Kunstwerk präsentiert Regisseurin Lily Sykes ihre Bühnenfassung von Emily Brontës Roman „Die Sturmhöhe“ und erweist sich erneut als Spezialistin für Klassiker der britischen Literatur.

Ihre Inszenierung auf der großen Bühne des Theaters fasziniert selbst diejenigen, die den Roman nicht kennen und sich auch niemals von einer Geschichte um Liebe, Rache, Eifersucht, Hass, Schicksal, Tod und die Unmöglichkeit, aus den Normen der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auszubrechen, lesend in den Bann ziehen lassen würden.

Das Versprechen, die zwei Generationen umspannende Familien-Tragödie auf das Wesentliche zu beschränken, hat Sykes gehalten. Ihre Sturmhöhe konzentriert den Roman auf den Zeitraum von der Kindheit der Geschwister Catherine und Hindley Earnshow und ihres Stiefbruders Heathcliff bis zu Catherines Tod als junge Frau. Der Vorlage entsprechend lässt die Regisseurin das Geschehen als von der Haushälterin Nelly Dean erzählte Erinnerung lebendig werden.

Mit Lockwood, einem Mann aus der Stadt, der im Hochmoor von Yorkshire dem Alltag entflieht, taucht der Zuschauer ein in die geheimnisvolle, unheimliche, magisch-mystische Szenerie. Ein unfreiwilliger Besuch auf Wuthernig Heights, dem Gutshof der Earnshows, macht ihn neugierig. Nelly Dean (Anja Schweitzer) lüftet für ihn das Geheimnis des Ortes. Vorhang auf für die Märchenstunde für Erwachsene.

Feuer und Windmaschine

Mit wenig Requisiten, geheimnisvollen Klängen, dem Einsatz von Feuer und Windmaschine, einem wolkenverhangenen Himmel als Hintergrundbild und Stimmen aus dem Off schafft es die Inszenierung vortrefflich, dass man sich gern dazu verführen lässt.

Was eher behutsam beginnt, steigert sich immer mehr ins Dramatische. Die Charaktere und ihre verzweifelten Versuche, aus ihrer Lebenswirklichkeit auszubrechen, werden dem Zuschauer mit geballter Schauspielkraft vorgeführt. Angela Falkenhan ist die Rolle der Catherine auf den Leib geschrieben. Ebenso wie man ihr das verwöhnte, selbstsüchtige Gör abnimmt, glaubt man ihr später, als sie erkennt, dass ihr Leben ein Gefängnis ist, den drohenden Wahnsinn.

Henry Meyer gibt den rachsüchtigen Hindley, der aus Verzweiflung über den Tod seiner Frau der Trunksucht verfällt, so überzeugend, dass der Zuschauer ihn gleichzeitig hasst und mit ihm leidet. Seinen Gegenspieler Heathcliff spielt Peter Waros etwas weniger emotionsgeladen.

Ein geschickter Schachzug der Regisseurin sind die drei stummen Kinderrollen. Klein-Cathy (Milla Keiner), Klein-Heathcliff (Philip Zeldin) und Klein-Hindley (Noah Manke) tauchen stets auf und symbolisieren, dass die Vergangenheit mit dafür verantwortlich ist, wie sich ein Mensch entwickelt.