Die Frau hinter dem Architekten

Ilse Hiesgen mit ihrem einzigen Sohn Günter. Mittlerweile hat sie drei Enkel und zwei Urenkel.
Ilse Hiesgen mit ihrem einzigen Sohn Günter. Mittlerweile hat sie drei Enkel und zwei Urenkel.
Foto: funke foto Services
Was wir bereits wissen
Ilse Hiesgen feiert heute ihren 100. Geburtstag. Ihr Leben prägte die Arbeit mit ihrem Mann. Sie bauten Bunker und Wohnhäuser in Oberhausen.

Oberhausen.. Zwei Weltkriege, den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder – Ilse Hiesgen blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Und für ihre Zeit war sie keineswegs eine typische Frau. Heute, 13. Januar, feiert sie ihren 100. Geburtstag im Haus Abendfrieden.

Zur Welt kam Ilse Hiesgen in einem Haus an der Ulmenstraße. Der Erste Weltkrieg hatte gerade erst begonnen. Die Familie stammte ursprünglich aus Ostpreußen. Ihr Vater – ein gelernter Schreiner – arbeitete auf der Zeche Concordia. Nebenher betrieb er eine Trinkhalle. Der Familie ging es gut.

Für ein Studium fehlte das Geld

Deswegen konnten die Eltern sie auf die Mittelschule schicken. „Das war ein Privileg für jemanden wie mich“, sagt Ilse Hiesgen. Selten besuchte jemand aus einer Arbeiterfamilie eine weiterführende Schule, bei Mädchen war es noch seltener. Für ein Studium fehlte dann aber doch das Geld.

Ilse Hiesgen startete ins Berufsleben. Zunächst arbeitet sie als Angestellte im Kolonialwarengeschäft der Familie Franzen in Lirich. „Den Laden führte ich praktisch.“ Aber Milch, Mehl und Butter zu verkaufen, das reichte ihr nicht. Sie belegte einen Schreibmaschinen- und Stenografiekursus und bekam eine Stelle als Sekretärin bei der Stadtverwaltung Oberhausen.

Liebe am Kiosk

Am Kiosk ihrer Eltern lernte sie dann ihren späteren Mann Theodor kennen. Er hatte ein eigenes Architekturbüro. Während des Zweiten Weltkrieges errichtete er unter anderem den Bunker in Lirich und den Polizei-Stollen an der Alleestraße in Alstaden, der ebenfalls als Schutzraum diente. Und noch heute sagt Ilse Hiesgen stolz: „Die Bunker haben vielen Menschen das Leben gerettet.“

Aber ohne die Frau, die hinter ihm stand, hätte Theodor Hiesgen wohl nicht so viel erreicht. Kurz nach dem sich die beiden Eheleuten kennenlernten, fing sie an im Architekturbüro zu arbeiten. „Ich war ein kluges Kind“, sagt sie. Schreiben und Rechnen fielen ihr leicht. Deswegen übernahm sie die Buchführung und die Schreibarbeiten und vieles mehr. Oft arbeiteten Ilse und Theodor bis spät in die Nacht. So kamen sich die beiden persönlich näher.

Der Wiederaufbau

1944 heirateten sie dann und am 8. Mai 1945 – am Tag des Waffenstillstands – kam ihr einziger Sohn Günter zur Welt. Der Zweite Weltkrieg war vorbei. Die Arbeit hörte aber nicht auf, sondern begann für das Ehepaar nun erst: der Wiederaufbau. Vor allem Mehrfamilienhäuser errichteten sie in Oberhausen. „Es war eine Boom-Zeit“.

Und die wirtschaftlichen Dinge, die hatte Ilse immer im Blick. Hatte jemand kein Geld, um die Kosten für den Architekten zu bezahlen, dafür aber genug Bauland, so ließ sie sich damit bezahlen. So baute die Familie nicht nur für andere Grundstückseigentümer, sondern erarbeitete sich einen stolzen Immobilienbesitz von immerhin sieben Häusern. Trotzdem unterzeichnete sie die Steuererklärungen mit „Mithelfende im Betrieb meines Mannes“. Auch Fahrten erledigte sie für ihren Mann, da dieser keinen Führerschein besaß – ebenfalls ungewöhnlich für die damalige Zeit.

Als Theodor 1970 verstarb, führte sie die Geschäfte alleine weiter und verwaltete die Häuser. Dass Ilse Hiesgen immer ehrgeizig und umtriebig gewesen ist, mag ihr hohes Alter erklären. Sie selbst sagt: „Mein Geheimnis ist, dass ich immer Freude am Leben hatte“.