Der geduldige Weg zum „Hörgenuss“

Auszubildende Lena Apelmeier (23, li.) ist eine der Förder-Preisträgerinnen des VdK, „Top im Job mit Handicap“. Ihre Chefin ist die Hörgeräteakustikerin Regina Fester (34) vom „Königshardter Hörgenuss“.
Auszubildende Lena Apelmeier (23, li.) ist eine der Förder-Preisträgerinnen des VdK, „Top im Job mit Handicap“. Ihre Chefin ist die Hörgeräteakustikerin Regina Fester (34) vom „Königshardter Hörgenuss“.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Hörgeräteakustiker brauchen neben technischem Verständnis auch Feingefühl für nervöse Kunden. Lena Apelmeier wurde vom Sozialverband VdK ausgezeichnet.

Oberhausen.. Unter den 20 Bewerbern für die ausgeschriebene Ausbildung, erzählt Regina Fester lachend, „wollte einer am liebsten Gabelstapler fahren“. Dabei passt die Technik, die im „Königshardter Hörgenuss“ angeliefert wird, sicher gepolstert in kleine und kleinste Kartons. In einem früheren Spielwarenladen am Höhenweg hat die Hörgeräteakustikerin vor sechs Jahren ihren eigenen Meisterbetrieb eröffnet.

Die 34 Jahre junge Chefin fand dann im vorigen Sommer eine Auszubildende, die sie nach dem ersten Lehrjahr prompt für einen Preis des Sozialverbandes VdK anmeldete: Lena Apelmeier zählt nun zu den bundesweit acht Preisträgern des Förderpreises „Top im Job mit Handicap“. Ihr Handicap? Die 23-Jährige aus Gelsenkirchen-Buer zählt zu den 100.000 kleinwüchsigen Menschen in Deutschland, engagierte sich auch in der Jugendarbeit des BKMF, des Bundesverbandes Kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien. Jetzt, räumt sie ein, fehlt ihr dazu allerdings die Zeit.

Die Kunden sind oft nervös

Denn die Ausbildung zur Hörgeräteakustikerin ist anspruchsvoll – nicht nur wegen des geforderten technischen Verständnisses. Lena Apelmeier wusste, „ich möchte etwas mit Kunden machen“. Ihre Chefin bestätigt: „Sie ist engagiert. Über Steinchen im Weg wird elegant hinweg gestiegen.“ Obwohl das Ladenlokal als „Hörgenuss“ den denkbar einladendsten Namen trägt, weiß das Zwei-Frauen-Team: Ihre Kunden sind erst einmal nervös und verunsichert.

„Eine Brille ist heute kein Thema“, sagt Regina Fester. „Aber beim Hören sind erst einmal die anderen Schuld.“ Müssen die immer so nuscheln? Manche brauchen Jahre, weiß die Meisterin, bis sie beim Ohrenarzt waren und sich ein Hörgerät verschreiben ließen. Dann ist Feingefühl gefragt im „Königshardter Hörgenuss“. Ein erneuter Hörtest gehört bei der Akustikerin immer dazu, dann geduldige Beratung.

Einstiegsalter wird immer niedrigster

Die Krankenkassen decken mit einem Festbetrag von 1500 Euro den größten Teil der Kosten – es sei denn, der Kunde entscheidet sich für eines jener High-End-Modell, die auch das Vierfache kosten können. „Das Einstiegsalter wird immer niedriger.“ Regina Fester hat einen krisenfesten Beruf; ihre jüngste Kundin ist gerade 30-jährig. Und bei Hörtests an einer Grundschule hatte das „Hörgenuss“- Team bei vier Kindern „gravierende Hörminderungen“ festgestellt – „von denen noch keiner wusste“.

Auf die sogenannte „Päd-Akustik“, also die Arbeit mit Kindern, würde sich Lena Apelmeier nach ihrer Ausbildung gerne spezialisieren. Mit ehrenamtlicher Kinder- und Jugendbetreuung hat sie bereits Erfahrungen gesammelt. Nach ihrem Realschul-Abschluss hatte sie sogar für einen Freiwilligendienst vier Monate an einer Grundschule in Thailand unterrichtet.

Bis zum Ende ihrer dreijährigen Ausbildung stehen allerdings noch einige Fahrten nach Lübeck an: Die Akademie für Hörgeräteakustik in der Hansestadt ist die einzige Ausbildungsstätte ihrer Art – ein Campus mit Internat für 600 Auszubildende, die pro Einheit vier bis sechs Wochen in Lübeck bleiben. „Auch das muss man können“, sagt Regina Fester.

Das tägliche Pendeln zwischen Buer und Königshardt dagegen kann Lena Apelmeier genießen: Sie fährt über Kirchhellen durch den grünen Norden des Reviers und schwärmt von den flammenden Herbstfarben: „schön“.