Das Fußvolk der Endlösung
24.10.2008 | 19:11 Uhr 2008-10-24T19:11:52+0200GESCHICHTSBEWÄLTIGUNG. Oberhausener Polizisten in einem Batallion, das tausende Juden im Zweiten Weltkrieg ermordete.
Das Morden in der ostpolnischen Stadt Bialystok begann am 12. Juli 1941 in aller Frühe: Die Männer des Polizeibataillons 316 rückten ins jüdische Ghetto der Stadt vor, ihr Auftrag: Festnahme, Sammeln und schließlich das Erschießen aller jüdischen Männer im wehrfähigen Alter zwischen 17 und 45 Jahren. Obwohl es der erste Einsatz des Polizeibataillons aus Recklinghausen im mörderischen Vernichtungskrieg im Osten war, legten die Männer keine Zurückhaltung an den Tag, im Gegenteil - der Chef der 1. Kompanie rief während der Razzia im Ghetto seine Männer zusammen und befahl ihnen, sich zu mäßigen; seine Sorge war, dass die Gewehre der Männer Schaden nehmen könnten, wenn sie zu heftig auf ihre Opfer einschlagen.
Präzise befolgte das Bataillon den ausgegebenen Befehl; einen der wenigen, die auch nach dem Krieg noch schriftlich erhalten waren. Sie verschleppten die Männer in ein Stadion in Bialystok, von dort brachten sie sie in Gruppen in ein Waldstück außerhalb der Stadt. Am Rande von ausgehobenen Gruben wurden die Juden per Genickschuss ermordet. Am Anfang machten sich die Männer des Bataillons noch die Mühe, die Leiber der Toten mit Sand zu bedecken, so dass die nachfolgenden Opfer sie nicht sahen - doch sie gerieten zeitlich in Verzug. Die Sonne verschwand, mit der Dunkelheit mehrten sich die Fehlschüsse, so dass die Aktion abgebrochen und auf den nächsten Tag verschoben wurde. Diejenigen jüdischen Männer, die bereits an der Exekutionsstelle angekommen waren, mussten dort, am Ort ihres sicheren Todes, die Nacht verbringen.
Am folgenden Morgen setzte sich das Morden in Bialystok fort. Etwa 3000 Menschen ließen bei dieser Aktion ihr Leben, die Männer vom Polizeibataillon entspannten sich nach ihrem ersten Einsatz an der Ostfront bei einem Kameradschaftsabend, der Alkohol floss in Strömen.
Es lässt die Zuhörer immer wieder fassungslos zurück, wenn sie heute von den Gräueltaten deutscher Soldaten oder - wie in diesem Falle - Polizisten hören. So auch bei der jüngsten Veranstaltung über die Verwicklung der Polizei in die Nazi-Verbrechen. Die Oberhausener Polizei hatte die Reihe gemeinsam mit der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und der Volkshochschule auf die Beine gestellt. "Mörder aus dem Revier? Polizisten aus Oberhausen im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg", so der Titel des Vortrages des Historikers Martin Hölzl von der Gedenkstätte deutscher Widerstand in Berlin.
20 Wachtmeister aus Oberhausen waren beteiligt
Hölzl hat die Geschichte des Polizeibataillons 316 aus Recklinghausen rekonstruiert, hat die blutige Spur verfolgt, die Männer aus dem Ruhrgebiet durch Polen, Weißrussland, Slowenien und Frankreich zogen, unter ihnen 20 Wachtmeister aus Oberhausen.
Die wenigsten von ihnen, so Hölzl, dürften glühende nationalsozialistische Überzeugungstäter gewesen sein: 20 Prozent der männlichen Bevölkerung hatten seinerzeit ein NSDAP-Parteibuch, unter den Polizeieinheiten waren es mit 25 Prozent nur einige mehr. Es waren andere Gründe, die die Männer zur Ordnungspolizei trieben: Im Oktober 1939 - einen Monat zuvor hatten deutsche Soldaten Polen überfallen - begann eine große Werbeaktion: Ein gutes Einstiegsgehalt - auf dem Niveau eines Facharbeiters - und die Verbeamtung nach zwölf Jahren auf Lebenszeit lockten.
Dass sie nicht in Deutschland Streifendienst würden tun müssen, war den Interessenten klar, eine Werbeschrift unmissverständlich: Die Polizeibataillone würden benötigt "zur Lösung wichtiger, durch die Neuordnung im Osten bedingter Staatsaufgaben". Zu denen, die sich dem "Fußvolk der Endlösung" - so Historiker Klaus-Michael Mallmann - anschlossen, gehörte auch der Oberhausener Franz J.. Geboren wurde er 1911, nach der Volksschule bestritt er seinen Lebensunterhalt als Arbeiter. J. war Bergmann, bevor er in den Polizeidienst eintrat, kein NSDAP-Mitglied. Ein "typischer Werdegang" für die Männer der Polizeibataillone, so Hölzl.
Im Juni 1940 wurde das 550 Mann starke Polizeibataillon, das in einer Bottroper Kaserne stand, aufgestellt. Acht Monate dauerte die Ausbildung der Männer, mit Drill und "Manneszucht" wurden sie auf ihre Aufgaben vorbereitet. Gleich nach ihrer Ausbildung wurden sie zum Mittelabschnitt der deutschen Ostfront kommandiert, folgten dort dem mörderischen Einsatzkommando 8 der Einsatzgruppe B. Sie stellten die Hilfstruppen für die Ermordung tausender Juden hinter der Front.
Kein Beleg für den Befehlsnotstand
"Der Holocaust zieht sich wie ein roter Faden durch die Bataillonsgeschichte", hat Hölzl herausgefunden. Offenbar ohne größere Skrupel. Für den Befehlsnotstand, den nach dem Kriege etliche Täter für sich in Anspruch nahmen, hat der Historiker nicht einen einzigen Beleg entdecken können. "Wer sich weigerte, an den Erschießungen teilzunehmen, bekam eine andere Aufgabe und wurde höchstens von den Kameraden geschnitten."
Am 5. Juli 1941 erreicht das Bataillon Bialystok. Nach Aussagen, die nach dem Krieg gesammelt werden, kommt es schon da es zu Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung: Menschen werden drangsaliert, Männern die Bärte abgeschnitten. Nach dem Massenmord am 12. und 13. Juli zieht das Bataillon weiter gen Osten. Am 19. Oktober sterben im weißrussischen Mogilew über 3700 Männer, Frauen und Kinder, im November 1941 ist das Bataillon an der Ermordung von über 5200 Menschen im Bobruisk beteiligt. Im Bericht heißt es hernach: "Die Stadt Bobruisk und ihre nähere Umgebung ist judenfrei."
Das Polizeibataillon 316 mordet weiter. In Slowenien und in Polen, im Raum Lublin, in Marseille unterstützen sie die Deportation von 700 Juden ins Vernichtungslager Sobibor. Gegen Ende des Krieges ändert sich ihr Auftrag: Die Polizisten müssen Massengräber unkenntlich machen, um vor der heranrückenden Roten Armee die Gräueltaten zu vertuschen. Im Frühjahr 1945 endet die Geschichte des Polizeibataillons an der Ostfront.
Von den 550 Männern kehren 151 zunächst in den Polizeidienst zurück, drei von ihnen zur Oberhausener Polizei. 1958 nehmen Polizei und Justiz Ermittlungen auf, 1966 stehen zehn Männer des Polizeibataillons 316 in Bochum vor Gericht. Der Prozess endet mit zehn Freisprüchen aus Mangel an Beweisen und der Zuerkennung des vermeintlichen Befehlsnotstandes.
Auch Franz J. hatte den Krieg überlebt. 1960 - er arbeitete damals als Lokheizer in Oberhausen - wurde J. vernommen zu den Taten seines Bataillons. Wegen einer Kriegsverletzung am Gehirn, so J. damals, könne er sich an kaum noch etwas erinnern .
Franz J. wurde nie belangt.Am 18. November wird die Reihe im Rahmen des Geschichtsprojektes der Polizei Oberhausen fortgesetzt. Der Sozialpsychologe Harald Welzer befasst sich dann mit dem Thema "Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder wurden."
Der Vortrag beginnt um 19 Uhr im Foyer der ersten Etage des Polizeipräsidiums Oberhausen, Gruppen werden gebeten, sich anzumelden, da die Anzahl der Plätze begrenzt ist (Tel: 826-0).

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