Bitte keine reißerische Überschrift
29.05.2009 | 18:30 Uhr 2009-05-29T18:30:00+0200Ein junger Soziologie-Kurs an der VHS hat die Berichterstattung über Migranten unter die Lupe genommen.
„Massenschlägerei mit drei Verletzten” steht über der Meldung, die den Schülern gar nicht gefallen hat. Von „zwei zerstrittenen türkischen Familien” ist die Rede, die mit ihrer Prügelei einen polizeilichen Großeinsatz auslösten. „Mensch ist doch Mensch”, sagt Stephan Kalski – warum die Nationalität nennen?
Stephan Kalski gehört zu einer Gruppe von 15 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die an der VHS für die Mittlere Reife büffeln. Im Fach Soziologie begaben sie sich zuletzt auf spannungsreiches Terrain: „Die Darstellung von Migranten in der lokalen Presse.” Drei Wochen lang haben die Schüler Artikel ausgeschnitten und mit beinah wissenschaftlicher Akribie analysiert. Das Ergebnis fasst James Pannier so zusammen: „Es wird wenig über Migranten geschrieben – außer, wenn es um Verbrechen geht oder irgendwas Tolles ist.”
„Flüchtlingsströme”
Mit „irgendwas Tolles” meint der junge Mann die nette Einladung in die Moschee oder das internationale Kinderfest der türkischen Gemeinde. Zwischen Kriminalität und multikultureller Beschwingtheit also nur Schweigen? Ganz so vernichtend fällt das Urteil der Schüler dann doch nicht aus. Einen Artikel loben sie sogar besonders: Zwei Jugendliche und ihr Traum von der Musik werden darin beschrieben. „Der Bericht zeigt, dass Migranten die gleichen Wünsche und Probleme haben wie jeder andere.”
Ob die Botschaft ankommt? Die Schüler haben nachgehört und festgestellt: 71 von 110 Befragten sind der Meinung, dass Migranten in den Medien negativ bewertet werden. Wenn „Flüchtlingsströme” auf die EU zurollen, wenn „das Boot” angeblich voll ist und es mit der Integration hakt: Wer soll da noch an den gesellschaftlichen Gewinn von Zuwanderung glauben?
Energische, aber nicht ganz überraschende Kritik an der Presse, deren örtliche Vertreter man konsequenterweise zur Bekanntgabe der Ergebnisse eingeladen hatte. Immerhin: Negativbeispiele wie das der türkischen Schläger seien die Ausnahme, bescheinigen die Schüler und hören interessiert, wie das Thema in den Redaktionen diskutiert wird. Einen Katalog mit Verbesserungsvorschlägen gab es auch an die Hand: Mehr Migranten in den Journalismus und mehr Hintergrund in die Berichterstattung. Lasst die Betroffenen zu Wort kommen und verzichtet auf reißerische Überschriften. Vor allem: Seid euch eurer Verantwortung bewusst.

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