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Bier, Brüste, Bratwurst - die Bordelle auf der Flaßhofstraße in Oberhausen feiern 50. Geburtstag

08.09.2013 | 15:17 Uhr

Oberhausen.  Mit einem Straßenfest hat die Rotlichtmeile auf der Flaßhofstraße in Oberhausen ihren 50. Geburtstag gefeiert. Sie gewährte einigen Besuchern "völlig neue Einblicke". Es ist eine seltsame Szenerie - bestehend aus Bier, Brüsten, Bratwurst. Eine Reportage.

„Völlig neue Einblicke!“, frohlockt der Mann, den sie Puma nennen. Es ist der etwas atemlose Moment, nachdem sich die gespreizten Beine der nackten Tänzerin und die Münder der, nun, Ortsunkundigen wieder geschlossen haben. Dabei hatte der Moderator auch vorher schon Recht: Da zeigte sich am Samstag ein Stück Stadt in nie dagewesener Offenheit, das sich sonst verschämt hinter hohen Mauern versteckt - Oberhausens Rotlichtmeile feierte ihren 50. Geburtstag mit einem Straßenfest. Für alle ab 18!

„Sie können ruhig reinkommen!“, hat der freundliche Herr gerufen und seinen Bauch wieder zurückgezogen hinter das rote Tor. Das sagt der so einfach, hier darf man ja sonst nicht hin. Nicht als Frau, es sei denn, sie würde hier arbeiten. Auch nicht als Mann, der sich „anständig“ nennt. Verbotenes Terrain!

Rotlichtbezirk
Erinnerungen an die Anfänge der roten Meile

Eine 74-jährige Oberhausenerin erinnert sich an die Anfangszeiten der Flaßhofstraße.

Also verlangsamt sich der Schritt, der Blick hält sich fest an Sahra Wagenknecht an der letzten Laterne vor dem ersten Rotlicht.

Ein Herr aus dem Stadtteil nebenan geht vor, „ich war früher schon mal hier, aber das ist lange her“. Die wenigen Frauen setzen zaghaft den Fuß in die Tür, halten eine Hand vor den Mund, tun unauffällig.

Die Musikanlage  spielt „Ich will mich total in deine Hände geben“, und Uwe Fischer, der hier und heute die, ja, Öffentlichkeitsarbeit macht, sagt: „Sehen Sie, da ist keiner, der nicht lacht.“ Bei manchen ist es eher verlegenes Kichern.

Straßenfest zu 50 Jahre Flaßhofstraße

Einen Moment können sich die Augen noch ausruhen an einem gewöhnlichen Getränkestand. „Ganz normale Zimmer“, erklärt dann Herr Fischer, „wie in einem Liebeshotel“, er sagt nicht „Stundenhotel“, abends allerdings sei alles schicker, so rot beleuchtet.

Aber auch jetzt ist es bunt, all' die farbige Spitze und der Lack, den die Frauen tragen, und jede hat ein Handtuch mit ins Fenster genommen oder eine Wolldecke auf den Barhocker: blau kariert oder in Deutschland-Farben.

Einige hundert Gäste kamen bis zum Mittag

Es ist ja nicht so, dass die Prostituierten, („fast alles Stammfrauen“) frei hätten zur Feier des Tages: „Die werden schon ihr Geld verdienen“, sagt Fischer, es sind schon mittags einige hundert Gäste da, und seit bekannt ist, dass die Meile feiert: „Sie glauben nicht, was wir da im Netz für Traffic haben!“ Traffic heißt schließlich auch: Verkehr. Und die meisten sind eben doch Männer. „Die laufen vorbei und wieder zurück, und schon haben die Mädchen einen Kunden.“

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Ein Mittfünfziger ist schon zum zweiten Mal da, morgens kam er in Begleitung, „das glauben Sie nicht, die haben mich trotzdem angemacht“. Fischer findet, dass sie Glück haben in der Flaßhofstraße, kein Fußball heute, „da hat man Zeit für die wichtigen Dinge im Leben“. Er meint den Sex, das darf man ruhig laut sagen, „die Straße gehört zur Stadt, da kann man diskutieren, aber die gibt’s einfach“. Sie wollen Unbehagen abbauen mit diesem Fest, und den Anliegerinnen gefällt's: Sie hängen neugierig aus den Fenstern, viel nackte Haut voran; „ich finde das gut, dass die Leute das mal sehen und nicht nur negativ reden“, sagt eine ältere im dennoch hautengen Minikleid.

Die Stiefel, die überm Knie noch nicht enden wollen

Dabei sind manche Besucher eher sprachlos, sie wollen nichts sagen und eigentlich auch nicht gesehen werden: die Frauen aus der Nachbarschaft, das Pärchen mit dem Kinderwagen, der Junggesellenabschied mit sichtlich unglücklichem Bräutigam. Sie drücken sich durch die Straße, stolpern über das Kopfsteinpflaster und schauen mit großen Augen: diese 20 Zentimeter hohen, durchsichtigen Absätze zu unter Pink hervorquellenden Pobacken! Die Stiefel, die überm Knie noch nicht enden wollen! Die offenen Toiletten, nur für Jungs. Der Geldautomat vor dem „Eros Center“. Es ist eine seltsame Szenerie: Bier, Brüste, Bratwurst.

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Vor dem ersten Haus sitzt Maria auf einem kunstledernen Stuhl. Maria, die anders heißt, aber tatsächlich 74 ist und „zum Inventar gehört“ seit der ersten Stunde. Sie ist Hauswirtschafterin hier, seit 37 Jahren, und hat im Keller Kuchen gebacken. Auch der Bezirksbeamte der Polizei bekommt ein Stück, er mischt sich selbstverständlich unters Volk, „zur Kontaktpflege, auch wenn das in diesem Zusammenhang komisch klingt“.

„Ganz blank ziehen die Wenigsten“

Marias Mädchen sitzen oben und schauen, wie die Menschen an ihnen vorbeiziehen mit ihrem Freibier, unter sich roten Noppenteppich, hinter sich weiße Fliesen und Kunstblumen, vor sich auf der Fensterbank die Taubenabwehr und an der Tür dieses Schild, das aussieht, als sei es auch schon 50 Jahre da: „In diesem Haus darf Geschlechtsverkehr nur mit Kondom ausgeführt werden.“ Aus den Boxen dröhnt „Girls, Girls, Girls“, es soll „den entzückenden Mädels“ eine Hymne zum Jubiläum sein und den weiblichen Gästen ein Gruß, „die mal sehen wollen, was hier abgeht“.

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Auf der Bühne in der Straßenmitte steht Moderator „Puma“ mit den lustigen Kondomen auf der Krawatte, der eigentlich Dirk heißt und aus dem Privatfernsehen bekannt ist „als Mörder und Vergewaltiger“, und sagt schon seit Stunden „Texas Patti“ an. Die ziehe sich nur noch um. Richtiger wäre: aus. „Ganz blank ziehen die Wenigsten“, erklärt ihr Manager, „weil man ein bisschen Stil bewahren muss.“

Ein Autogramm „Für René“

Pornostar Patti indes lässt den Stil dann mal weg, lutscht am kobaltblauen Dildo und reibt sich zur Mundharmonika aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ an einem Herrn im senfgelben Jackett mit Knirps am Arm. Die anderen Männer, viele in Weste und kariertem Hemd, rücken mit Handykameras näher. In der zweiten Reihe blickt etwas verstört ein ältere Dame auf den Boden, die kannte Patti vorher nicht, sollte aber „jemandem ein Autogramm mitbringen“ - auf der Karte steht „Für René“.

50 Jahre "Liebeshotels"

In der Flaßhofstraße südlich der Oberhausener Innenstadt reihen sich seit 50 Jahren die „Liebeshotels“ aneinander, in denen Prostituierte sich Zimmer mieten und verpflegt werden. Hinter den Fenstern im Erdgeschoss warten die Frauen knapp bekleidet auf Kunden. Wegen des Jugendschutzes ist nach deutschem Gesetz dieser Teil der Wohnstraße für unter 18-Jährige gesperrt. Die Essener Rotlichtmeile in der Stahlstraße ist noch älter. In Dortmund gibt es die Linienstraße, Duisburg hat die Vulkanstraße.

René konnte nicht kommen, dafür  sind viele da, die das offenbar häufiger tun. Und am Rande den Fremdenführer geben, ungefragt:  „Hier kriegen die Männer, was sie zu Hause nicht kriegen, oder nur schlecht.“ Oder so: „Hier brauch' ich nicht lange rumzubaggern und Geld rauszuschmeißen, wenn mir eine Frau gefällt.“ Weshalb die Rotlichtmeile „auch noch ihren 100. feiern“ werde. Mit neuen Mädchen dann, neuen Männern wohl auch – und garantiert neuen Einblicken.

Annika Fischer

Kommentare
10.09.2013
07:43
Bier, Brüste, Bratwurst - die Bordelle auf der Flaßhofstraße in Oberhausen feiern 50. Geburtstag
von achimv | #7

Sehr geehrte Frau Fischer,

ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum Sie ausschließlich das Wahlplakat von Sarah Wagenknecht in Ihrem...
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2013-09-08 15:17
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