Bei den Anonymen Alkoholikern in Alt-Oberhausen

Vertrauchlichkeit ist Voraussetzung bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker.
Vertrauchlichkeit ist Voraussetzung bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Sie sind in einem langjährigen Kampf der Macht des Alkohols entronnen. Aber sie müssen vor ihm ein Leben lang auf der Hut sein. Da hilft der gegenseitige Austausch in der Selbsthilfegruppe.

Oberhausen.. Sechs Frauen und sechs Männer sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Eine von den Frauen zieht eine Schachtel mit Pralinen hervor, will sie öffnen. Dabei entdeckt sie, dass es sich um Likör-Pralinen handelt. „Willst Du ei­nen Massen-Rückfall auslösen?“, wird sie gefragt. Schnell verschwindet die Packung wieder. Dann liest Helga, Anfang 60, die Leiterin der Runde, vor, weshalb sie sich hier jeden Samstag um 18 Uhr treffen: um nüchtern zu bleiben und anderen dazu zu verhelfen.

Jetzt ergreifen die Anonymen Alkoholiker der Reihe nach das Wort. Jedem wird geduldig zugehört, wie lange er auch spricht. „Ich bin Ralf und bin Alkoholiker“ beginnt ein gepflegt wirkender Mann von Anfang 40. Er berichtet von einer stressreichen Ar­beitswoche und davon, dass er nun froh sei, hier zu sein. „Ich wüsste nicht, wohin sonst mit meinen Problemen.“

Sauferei wurde immer verharmlost

Auch die anderen Teilnehmer geben ihren Wochenrückblick. Da ist von Weihnachtsstress oder Einsamkeit an den Feiertagen die Rede, von Aufregung vor einer Verabredung und Vorfreude auf freie Tage. Eine Blondine von Anfang 50 hat gleich dreifach Grund zur Freude: Sie hat den Führerschein bestanden, sich ein Auto gekauft und ist Oma geworden.

Nach einer halben Stunde scheint das Eis gebrochen. Es sind die Männer, die damit beginnen, was sie eigentlich umtreibt. „Ich bin Andreas und bin Alkoholiker“, sagt ein Mitdreißiger. Zehn Jahre lang habe er im Alkohol sein Heil gesucht, erzählt er. In dieser Zeit habe er alles verloren, die Freundin und den Rückhalt in der Familie. „Ich habe mich immer abgekapselt, schon als Schüler“, erinnert er sich. An negativen Ereignissen habe er sich hochgezogen. Bis er sich ganz am Boden gefühlt und eine Entziehung begonnen habe. „Un­glaublich, was in einem für Kämpfe toben“, sagt er. Aber er habe es geschafft, sei seit sechs Jahren trocken und meistere sein Leben heute ohne Alkohol.

Es geht ans Eingemachte

Einem Mann von Anfang 50 erging es nicht viel anders. „Ich bin mit der Bierflasche in der Hand aufgewachsen“, sagt er. Das sei stets verharmlost worden. Er greift zu einem Plätzchen. „Hier geht es ans Eingemachte“, fährt er fort. „Wenn man kratzt, wo es richtig weh tut, kann man am besten Lehren ziehen.“ Fünf Jahre ist sein letzter Rückfall her. „Ich glaub’ nicht, dass der liebe Gott mich trocken gemacht hat, sondern ich selbst.“

In einem Teelicht flackert die Kerze. Ralf spricht noch einmal, von seiner verkorksten Kindheit in einer Alkoholikerfamilie. „Ich hatte immer Gründe, zu saufen.“ Nach der Arbeit ging es sofort in die Kneipe. Ein Fahrradunfall im Suff sei für ihn der Wendepunkt gewesen. Mühsam habe er lernen müssen, Eigenverantwortung zu übernehmen, seine Probleme gezielt anzugehen und zu seinen Schwächen zu stehen. „Ich komme mir vor wie der Berliner Flughafen, werde nie fertig.“ Seine seelischen Ursachen würden bleiben, aber er habe es geschafft, trocken zu bleiben.

Raucherpause. Danach spricht die Blondine. Sie erinnert daran, wie sie nach dem Tod ihres Mannes in der Sucht versumpft sei. Es folgten Entgiftung und Langzeit-Therapie. Aber jahrelang war der Kontakt zu ihren Kindern unterbrochen. Sie hätten ihr ihre Rückkehr in die Normalität anfangs nicht abgenommen. Aber jetzt ist sie in ihren Beruf zurückgekehrt. „Man hat Vertrauen in mich“, freut sie sich. Und sie sei sogar dabei, eine neue Beziehung zu ei­nem Mann aufzubauen.

Gott als Bezugsperson

Ein Gebet beendet das Treffen. Alle geben sich dazu die Hand. Sie beten nicht den Gott irgendeiner Religion an, sind sich nur bewusst, dass es eine Macht über ihnen gibt, der sie sich anvertrauen können und die ihnen ihre Gesundheit wiedergeben kann.