Aufbauhelfer Ost erzählen
06.11.2009 | 19:22 Uhr 2009-11-06T19:22:00+0100
Auch Mitarbeiter des Amtsgerichts Oberhausen leisteten nach der Wiedervereinigung „Aufbauhilfe Ost”: Richter Dr. Holger Kilian (60), Rechtspfleger Burkhard Masanneck (56), Justizbeschäftigte Carmen Donsbach (47) und Edda Bortz (55), Beamtin des Mittleren Verwaltungsdienstes, im Gespräch.
Vor zwanzig Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, fiel in Berlin die Mauer. Was als Grenzöffnung begann, mündete am 3. Oktober 1990 in dem Beitritt der DDR zur BRD. Im Zuge der Wiedervereinigung gingen aus den alten Bundesländern Beamte nach „drüben”, um Verwaltung und Justiz neu zu strukturieren. Auch Mitarbeiter des Amtsgerichts Oberhausen leisteten „Aufbauhilfe Ost”: Mit Richter Dr. Holger Kilian (60), dem pensionierten Rechtspfleger Burkhard Masanneck (56), der Justizbeschäftigten Carmen Donsbach (47) und Edda Bortz (55), Beamtin des Mittleren Verwaltungsdienstes, sprach WAZ-Redakteurin Andrea Rickers.
Wissen Sie noch, wo Sie waren, als die Mauer fiel und was Sie gedacht haben?
Masanneck: Ich habe die Geschehnisse im Fernsehen verfolgt und gesagt: 'Ich wette einen Apfelkuchen darauf, dass wir in ein paar Wochen wiedervereinigt sind'.
Kilian: Ich war im Bett und habe erst am nächsten Tag in der Zeitung davon gelesen. Mir ist durch den Kopf gegangen: ,Immer wieder der 9. November'.
Donsbach: Für mich war klar: Jetzt sind wir wieder zusammen.
Bortz: Es war eine gefühlvolle Nacht. Meine Verwandtschaft lebte in Mecklenburg, es gab wochenlang kein anderes Thema am Telefon.
Sie, Frau Bortz, haben und hatten Verwandtschaft in Ostdeutschland: Wie war das bei den anderen – bestand vor der Wende irgendeine Beziehung zur DDR?
Masanneck: Nein, überhaupt keine.
Kilian: Die größere Anzahl meiner Verwandten ist in der DDR geblieben. Ich habe dort sogar 1958 eine Woche lang die Schule besucht, bevor meine Familie in den Westen ging. Bei den so genannten Interzonenreisen besuchte ich dann meine Patentante. Die Zustände in der DDR waren mir also geläufig und der persönliche Kontakt recht eng.
Masanneck: Ich bin am 18. Mai 1990 zum ersten Mal mit meinem Auto in die DDR gefahren und hatte das Gefühl: Hier hat 1945 jemand ,Schnipp' gemacht und die Zeit ist stehengeblieben. Es roch auch ganz anders.
Nach dem 3. Oktober 1990 wurden Beamte gesucht, die in die neuen Bundesländer gehen. War die so genannte „Buschzulage” ein Anreiz?
Kilian: Sicherlich spielte die höhere Besoldung eine Rolle. Ich habe vom 2. November 1991 bis Ende Dezember '93 am Kreisgericht von Potsdam gearbeitet. Und dort Freundschaften geschlossen, die bis heute halten.
Donsbach: Frau Bortz und ich haben hier vor Ort in Oberhausen Akten bearbeitet für unser Partnergericht in Zossen, nach unserem normalen Dienst. Mehr Geld habe ich damit nicht verdient, für mich war die persönliche Verbindung der Anreiz.
Masanneck: Zwei Jahre war ich in Bernau. Eine solche fachliche und menschliche Herausforderung werde ich in meinem Berufsleben nicht mehr erleben, dachte ich.
Beschreiben Sie die Herausforderung. . .
Masanneck: Wir haben angefangen mit 16 „Schönfeldern” [Name einer Gesetzessammlung, Anm. der Redaktion] und einem Kopierer. Damit machen Sie mal Justiz. Die Leute hatten ja keinen Dunst weit und breit, von 7 bis 19 Uhr wurde man mit Fragen bombardiert, und im Nullkommanix hatte man den Namen ,Besserwessi' weg. Manchmal kam ich mir vor wie ein Kanarienvogel, den alle bestaunten.
Die Ausbildung musste in die Wege geleitet und parallel mussten die Fälle abgewickelt werden. Der Einigungsvertrag war die Bibel für uns.
Kilian: Apropos ,Einigungsvertrag': Das ist ein bewundernswertes Werk. In kurzer Zeit wurde damit eine Gesetzesgrundlage geschaffen, die anwendbar war, die kaum etwas übersehen hatte und wenig Unklarheiten ließ.
War die DDR ein Unrechtsstaat?
Kilian: Die DDR war in dem Sinne kein Rechtsstaat, weil sie keine Verwaltungs- und Verfassungsgerichtsbarkeit kannte. Es also keine Möglichkeit gab, Maßnahmen der Polizei, der Verwaltung oder des Gesetzgebers überprüfen zu lassen. Was die DDR hatte und was erstrebenswert war: eine dreistufige Gerichtsbarkeit. Es gab Kreis-, Bezirks- und Oberste Gerichte. Das war übersichtlich und praktikabel.
Sind Sie bei den ehemaligen DDR-Bürgern auf Ressentiments gestoßen?
Masanneck: Nein. Und die Überzeugten waren ja relativ schnell weg vom Fenster.
Kilian: In dem Gerichtsgebäude, in dem ich angefangen habe zu arbeiten in Potsdam, war alles verwanzt, das war bekannt und konnte so schnell rein technisch schon nicht geändert werden. Es war also klar: Wichtige Fragen werden nicht im Dienstgebäude besprochen. Was die Überprüfungsverfahren angeht: Da gab es traurige Schicksale, es waren auch gute Leute unter denen, die nicht übernommen wurden. Auf 17 Millionen Einwohner in der DDR kamen rund 500 Richter. Davon sind rund 150 übernommen worden.
Wie haben Sie die Menschen erlebt?
Masanneck: Die waren in der Regel alle sehr froh: über die Reisemöglichkeiten, das neue Geld, das Warenangebot, die neue Freiheit.
Kilian: Die einfache Bevölkerung ist bei dem Prozess der Wiedervereinigung schon sehr übervorteilt worden. Das muss man, glaube ich, von der Lebensgeschichte her sehen: Die hatten oder haben das Gefühl, nur Mist gemacht zu haben. Aber die meisten Menschen in der DDR konnten ja gar nicht anders handeln. Wir hätten in der Situation und unter den Umständen auch nicht anders gehandelt.
Was hätte bei der Wiedervereinigung anders laufen sollen?
Masanneck: Ich bin stolz darauf, dass es uns gemeinsam gelungen ist, das hinzukriegen. Natürlich gibt es tausend Beispiele, was man hätte besser machen können. Aber so etwas wie die Wiedervereinigung kam in keinem Lehrbuch vor.

0mitdiskutieren