Auf ein Pils in Lirich

Wirt Franz Skawran (3.v.l.) achtet sehr genau darauf, wann es ein leeres Glas nachzufüllen gilt. Die Liricher treffen sich gerne in geselliger Runde „Im Käfig“.
Wirt Franz Skawran (3.v.l.) achtet sehr genau darauf, wann es ein leeres Glas nachzufüllen gilt. Die Liricher treffen sich gerne in geselliger Runde „Im Käfig“.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Stadtteil zwischen Eisenbahn und Kanal war einst ein Geheimtipp für Kneipengänger. Viele Lokale haben inzwischen ihre Türen geschlossen.

Oberhausen.. Das „ganze“ Lirich fängt gleich hinterm Hauptbahnhof an, aber das „eigentliche“ Lirich erst hinter der Duisburger Straße. Von diesem Lirich zwischen Eisenbahn und Kanal, Krebber und Müllverbrennung, soll hier die Rede sein – kaum zwei Quadratkilometer groß, rund 10.000 Einwohner und einst ein Geheimtipp für Kneipengänger.

Lohntüte ging über den Tresen

„Tja, die Zeiten sind vorbei“, klingt Heiner Dehorn etwas wehmütig. Der fast 75-jährige Ur-Liricher (die Eltern betrieben an der Wilhelmshavener Straße ein Lebensmittelgeschäft) war stets ein geselliger Mensch und braucht nicht zu lange, um festzustellen: „Wir hatten hier mal neunzehn Kneipen.“ Stattlich, und stattlich ist natürlich auch die Zahl der Episoden und Anekdoten, die um sie kreisen. Vor allem der „Lohntütenball“, wie die Feierabende nach der Lohnzahlung, die ja erst seit den späten 70ern generell bargeldlos erfolgte, im Volksmund hießen.

„Die Lohntüte“, weiß Dehorn, „war für manchen Wirt die Existenz.“ Die Kneipe direkt am Zechentor von Concordia etwa lebte von den früher drei Zahltagen pro Monat: Am 5., 15. und 25. wurde gezahlt, und der Inhalt so mancher Tüte ging gleich über den Tresen.

Überhaupt der Bergbau: Er hatte – mit Bahn, Babcock, Schwerindustrie – den Wohn- und Lebensraum Lirichs deutlich geprägt. „Hier waren früher alle irgendwie gleich“, benennt Dehorn das, was Soziologen als „homogene Bevölkerungsstruktur“ bezeichnen. Auch die gibt es nicht mehr, die jüngeren Generationen haben andere Arbeitsbindungen, meist weit außerhalb Lirichs.

Lieber unter sich geblieben

Neunzehn Kneipen waren’s also, in denen die Liricher sich trafen, in denen sie den Alltag begingen, in denen sie Hochzeiten und Jubiläen feierten – sie sorgten für ein Identifikationsgefühl. „Man war und blieb unter sich“, erinnert sich Gerd Wallhorn – unser Fotograf ist Ur-Liricher und pflaumt den Berichterstatter (der als Alstadener „Erzfeind“ ist) an: „Dich hätten sie hier früher gar nicht reingelassen.“

So hatte Lirich im Lauf der Zeiten zwar ein ausgeprägtes Kneipenleben bekommen, aber keines, das Anziehungskraft ausübte – man wollte unter sich sein. Es bröckelte der Bestand, Gaststätten wurden in Wohnungen umgebaut oder blieben einfach zu. Von den angestammten Standorten gibt’s nur noch drei, und auch da scheinen Tage oder Jahre gezählt.

Für einen Neuzugang sorgte zuletzt die DJK Arminia Lirich. Nach dem Umzug des Clubs vom „Käfig“ an der Wunderstraße zur Liricher Straße gab’s vor knapp fünf Jahren ein Clubhaus, das kürzlich erweitert wurde. Pächter Franz Skawran (Alstadener übrigens) hält täglich das Lokal „Im Käfig“ offen (werktags ab 16 Uhr, am Wochenende früher und mit Frühstück).

„Man muss neue Generationen erschließen“, denkt der Wirt an die vielen Jugendmannschaften, deren Spielereltern jetzt Kunden sind, Stammgast Jürgen Weber (einst Fifa-Schiedsrichter) sinniert: „Die Leute werden wieder begreifen, wie schön es ist, gemeinsam etwas zu tun, gemeinsam zu singen, gemeinsam Fußball zu gucken, gemeinsam zu sprechen.“ Man muss ja nicht immer die Lohntüte in der Kneipe lassen.