Das aktuelle Wetter Oberhausen 14°C
Gesellschaft

Armut hat viele Gesichter

20.05.2009 | 17:29 Uhr

Armut hat viele Gesichter und wer nach Gesichtern der Armut in Oberhausen sucht, findet sie bei der Tafel ganz gewiss. 150 Gesichter, die 150 Geschichten erzählen könnten, sind es an diesem Mittwoch. Eines davon gehört Hedwig Steuer.

Hedwig Steuer (li.) holt bei Tafel-Mitarbeiter Karlheinz Henze Lebensmittel. (Foto: Franz Meinert)

„Da haben Sie ja heute Glück, nich'?” In der Tat, Hedwig Steuer ist ein echter Glückspilz. Und deshalb blickt sie hinter sich in die Schlange, lächelt kurz und nickt dem Fragesteller, einem älteren, silberhaarigen Mann, fast unmerklich zu. Die Nummer 13 hat sie gezogen. Draußen, vor der Tafel-Kirche an der Gustavstraße, warten an diesem Tag 150 Menschen. Da kann sich die 13 sehen lassen. Lebensmittel werden jedenfalls noch genug da sein, auch die guten.

Armut hat viele Gesichter und wer nach Gesichtern der Armut in Oberhausen sucht, findet sie bei der Tafel ganz gewiss. 150 Gesichter, die 150 Geschichten erzählen könnten. Von (zu) niedrigen Renten und von (zu) wenig Unterstützung für alleinerziehende Mütter, von Arbeitslosigkeit und von Familien, bei denen der Arbeitslohn hinten und vorne nicht reicht, um auch noch das Essen zu stemmen.

Geschichte von Krankheit und Arbeitslosigkeit

Ein Gesicht gehört Hedwig Steuer und ihre Geschichte handelt vor allem von Krankheit und Jobverlust. Schämen tut sie sich deswegen nicht. Im Gegenteil, die 58-Jährige geht offensiv damit um und spricht offen darüber. „Wenn meine Kinder fragen: 'Mutti, musst du da hingehen'? Dann sage ich 'ja, ich muss'. Wenn es sowas nicht geben würde, müssten die Leute wirklich klauen gehen.” Bei der Tafel wisse sie genau, dass sie für ihren einen Euro auch etwas bekomme.

Das wissen ohnehin immer mehr Menschen. Oder die Hemmschwelle ist zurückgegangen. Oder beides. Jedenfalls kommen inzwischen pro Woche gut 700, um sich mit Obst, Gemüse, Brot, Milch und Wurst einzudecken. „Man muss berücksichtigen, dass dahinter Familien stehen”, so Tafel-Chef Josef Stemper. „Wir gehen davon aus, dass wir pro Woche 1200 bis 1500 Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Die Zahl der Hilfsbedürftigen ist in den letzten Jahren größer geworden.” Außerdem kämen immer jüngere Menschen, so Stempers Beobachtung. Das führt er auf die gestiegene Arbeitslosigkeit zurück.

Tafel erhebt keine Daten

Tafel-Chef Josef Stemper: "Die Zahl der Hilfsbedürftigen ist größer geworden." (Foto: Franz Meinert)

Daten erhebt die Oberhausener Tafel indes nicht. „Wir wollen nicht das zweite Sozialamt spielen”, erklärt Stemper. Sonst hätte man irgendeine Einkommenssumme festlegen müssen. Jeder, der sich bedürftig fühlt, kann Lebensmittel abholen. Überwiegend kommen aber ohnehin die vertrauten Gesichter. „Wir kennen aber keinen mit Namen und halten es anonym”, betont Josef Stemper.

Zu den Stammkunden gehört auch Hedwig Steuer. Jahrelang war die Mutter dreier erwachsener Kinder Hausfrau. Dann musste ihrem Mann, einem Lagerarbeiter, ein Bypass gelegt werden. Seine Arbeit kann er nicht mehr ausüben und ist seit zehn Jahren arbeitslos. Auch Hedwig Steuer wurde krank und am Herzen operiert. Ihren Job als Küchenhilfe musste sie aufgeben. Das Ehepaar lebt von Hartz IV. „Nebenkosten, Fernsehen, Arztkosten - was bleibt denn da?”, fragt die Sterkraderin, die einmal in der Woche zur Tafel geht. Verbittert klingt sie allerdings nicht. Eher wie eine Frau, die schon viel mitgemacht und sich mit dem Unabänderlichen abgefunden hat: „Wenn sie 58 sind, kriegen sie keine Arbeit mehr.”

"Gutes kann so billig sein"

Spricht's und wendet sich wieder den Lebensmitteln in der ehemaligen Kirche „Heilige Familie” zu. „Was möchtest du, Süße?”, fragte eine Helferin. Man kennt sich halt nach all' den Jahren. Und dann wandert ein Salatkopf in die rote Plastiktüte eines Discount-Supermarktes. Zu den Kartoffeln, zum Müsli, zum Brot und zur Butter. Auf der Tüte steht: „Gutes kann so billig sein.”

Holger Schmidt

Facebook
 
Kommentare
15.07.2009
23:56
Armut hat viele Gesichter
von JOGIBAER | #4

Bei der Tafel ist es so,wie bei allem anderen auch,wo nicht kontrolliert wird,wer wirklich bedürftig ist!
Einige nutzen es schamlos aus,andere brauchen die Hilfe.
Vielleicht sollte man die Waren direkt in die Haushalte bringen,da würde man nebenbei sehen,wer Hunger leidet und wer Schmarotzt

21.05.2009
21:20
Armut hat viele Gesichter
von Ackerfraus Mann | #3

Vergleiche:
Hochlohnländer wie CH, NOR, S, DK kennen den Terror der organisierten, gewünschten Armut nicht.
Weiter so. Beraterrepublik D

21.05.2009
19:34
Armut hat viele Gesichter
von favorit | #2

Spontan fällt mir ein Sprichwort ein: Eine Mutter kann drei Kinder ernähren, aber drei Kinder keine Mutter.
Armes Deutschland.

21.05.2009
09:49
Armut hat viele Gesichter
von sara | #1

Ich dachte, wer ALG II bezieht ist von den GEZ Gebühren befreit sofern er einen entsprechenden Antrag stellt. Bei besonders hohen Arztkosten kann bei der Krankenkasse einen Härtefallantrag stellen, der individuell geprüft wird.
Viele Personen die sozialversicherungspflichtig tätig sind haben monatlich nicht mehr Einkommen können sich aber nicht befreien lassen oder Kostenübernahmeanträge stellen.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/316253/create

Umfrage der Woche
Die Stadt Oberhausen hat zu Bürgerversammlungen zum Sparpaket eingeladen und ein Online-Forum geschaltet, in dem Bürger ihre Meinungen zu den Sparvorschlägen für den städtischen Haushalt kundtun können. Was halten Sie von dieser Form von Bürgerbeteiligungen?

Die Stadt Oberhausen hat zu Bürgerversammlungen zum Sparpaket eingeladen und ein Online-Forum geschaltet, in dem Bürger ihre Meinungen zu den Sparvorschlägen für den städtischen Haushalt kundtun können. Was halten Sie von dieser Form von Bürgerbeteiligungen?

Captcha

Bitte übertragen Sie den Code in das folgende Feld:

Wort unleserlich? (Neuladen)

 
Aktuelle Fotos und Videos
Brings im Ebertbad in Oberhausen
Bildgalerie
Konzert
Stimmen zum Rauchen
Video
Video
Radrennen in Oberhausen
Bildgalerie
Pfingstradrennen
Wohnhausbrand in Lirich
Bildgalerie
Feuer
Aus dem Ressort
Der Oldtimer als Familienhobby
Unser Norden
Ulf Berens hat einen 57 Jahre alten Ford-Pickup originalgetreu und aufwändig restaurieren lassen. Jetzt wollen die Amerikaner den Wagen gerne zurück
Foto
Jugendarbeitslosigkeit in Oberhausen sinkt
Arbeitsmarkt
Auch die Zahl der erwerbslosen Ausländer sowie älteren Menschen verbesserte sich leicht. Doch obwohl es mehr freie Stellen gibt, stagniert Arbeitslosigkeit