An der Grenze des Erträglichen

Renate Holtmann zog im Juli 2014 als erste Bewohnerin in die Wohngemeinschaft im Lipperfeld ein. Ihr Mann Jürgen besucht sie jeden Tag.
Renate Holtmann zog im Juli 2014 als erste Bewohnerin in die Wohngemeinschaft im Lipperfeld ein. Ihr Mann Jürgen besucht sie jeden Tag.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Atempatienten brauchen viel Pflege. Die Familie ist schnell überfordert. Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft in Oberhausen hilft.

Oberhausen.. Einatmen. Ausatmen. Für gesunde Menschen ein Vorgang, den der Körper selbst steuert, über das vegetative Nervensystem. Wie Stoffwechsel oder Verdauung. Nach Unfällen, durch Krankheiten oder Operationen kommt es vor, dass Patienten nicht mehr selbstständig atmen können. Die Folge: Ein Leben auf der Intensivstation oder in einem hoch technisierten, privaten Krankenzimmer mit Pflegekräften, die permanent im Einsatz sind.

Einen dritten Weg mit deutlich mehr Lebensqualität bietet eine weit und breit einmalige Wohngemeinschaft im Gewerbegebiet Im Lipperfeld. Ihre Mitglieder sind Menschen mit Beatmung, die intensiv pflegebedürftig sind.

In ganz Deutschland gibt es nur eine Handvoll Atmungstherapeuten, die außerhalb der großen Kliniken tätig sind. Einer von ihnen ist Simon Hanau, der mit Sandra Gutzeit – sie ist Pflegeexpertin für außerklinische Heimbeatmung – den Pflegedienst Gutzeit betreibt. 18 Mitarbeiter kümmern sich hier um vier Patienten, rund um die Uhr. Die Warteliste ist viermal so lang. Es soll expandiert werden.

Teures Leben auf der Intensivstation

„Nichts ist schlimmer als Luftnot“, konstatiert Simon Hanau. Das qualvolle Ringen um jeden Atemzug bringt Menschen an die Grenze dessen, was sie ertragen können. Ein Leben auf der Intensivstation, nur durch Stellwände von anderen Schwerstverletzten getrennt, umgeben von Apparaten, ohne Tag-Nachtrhythmus, belaste die Atempatienten zusätzlich.

Und das sei zudem extrem kostenträchtig: Eine ansehnliche fünfstellige Summe im Monat berechne eine Klinik dafür. Nicht einfach sei auch die Pflege zu Hause, mit Geräten, die ständig gewartet und überwacht werden müssen, und 24-stündiger Betreuung, mit einer stark eingeschränkten Privatsphäre. Eine schwierige Aufgabe auch für die Angehörigen. „Viele sind auf Dauer damit überfordert und halten das nicht durch“, weiß Hanau.

In der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft im Lipperfeld wird deshalb versucht, den Patienten, die alle per Luftröhrenschnitt beatmet werden, ein weitgehend normales Leben zu bieten – mit vertrauten Möbeln und dem Lieblingsprogramm im Fernsehen.

Langsam in den Alltag zurückfinden

Männer und Frauen mit den verschiedensten Beeinträchtigungen bilden die Wohngemeinschaft. Einer erlitt bei einem Unfall eine schwere Kopf- und Beinverletzung, ein anderer lag nach einer Operation 14 Wochen auf der Intensivstation. Ein dritter befindet sich im Wachkoma und „wird so behandelt, als wäre er wach“, sagt Sandra Gutzeit. „Wir wollen unsere Patienten vom Krankenhaus entwöhnen und ihnen helfen, langsam in den Alltag zurückzufinden.“

Die Einrichtung ist gut vernetzt mit Pneumologen und Fachkliniken. Physio-Therapeuten kümmern sich hier um die Rehabilitation der Patienten, Ehepartner kommen zu Besuch. Das alles unter erhöhten Hygienestandards, denn die Mitglieder der Wohngemeinschaft besitzen kaum Immunkräfte. Ein MRSA-Keim, wie er in Krankenhäusern nicht auszurotten ist und oft vorkommt, kann hier bestmöglich therapiert, wenn nicht sogar vermieden werden.

Wer über das Gesundheitssystem redet, muss auch über Geld reden. Ein Monat in der Wohngemeinschaft für Menschen mit Beatmung und Intensivpflege kostet den Versicherungsträger gerade mal ein Drittel des Aufwandes, den eine Klinik berechnet.