Alt-Oberhausen – Ich bin gerne hier

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Oberhausen.. Jemand, der in Grünstadt an der Weinstraße aufwuchs, in Karlsruhe lebte und ins Revier umzieht, sieht auf den ersten Blick Ruhrstadt und nicht Essen, Mülheim, Oberhausen und schon gar nicht unterschiedliche Stadtteile und Viertel.

„Von Dortmund bis Duisburg – aus der Sicht eines Süddeutschen ist das alles eins“, sagt Michael Reeb (46). Dennoch war es kein Zufall, dass er sich vor gut einem Jahr nach langer Suche für die Wohnung auf der Sedanstraße im Marienviertel entschied: „Bei dem Verkehr hier war mir schnell klar, dass mich jeder Meter, den ich weiter vom Arbeitsplatz entfernt wohnen würde, mehr Zeit in Staus kosten würde.“ Jetzt erreicht er seinen Job zu Fuß. Außerdem sei die Nähe des Bahnhofs wichtig und Vorzüge habe das Marienviertel viele: Bäume, schöne alte Häuser, das Ebertbad, das Falstaff mit Raucherraum, das Theater, Olis Büdchen. Trotzdem sei er anfangs noch etwas skeptisch gewesen, ob der Neustart in seinem Leben gelingen würde.

Das Oberhausen-Quiz

Bilder hat er in seiner Wohnung noch nicht aufgehängt, im Ruhrgebiet kennt er sich aber schon gut aus. Das Navi ist nicht mehr überlebenswichtig und in „seinem“ Viertel hat sich der alleinerziehende Vater eines 17-jährigen Sohnes eingelebt: „Ich bin gerne hier.“

Wir beginnen Michael Reebs Rundgang mit einem Blick aus seinem Wohnzimmerfenster. „Es ist schön, dass wir den John-Lennon-Platz sehen, den wir auch zum Fußballspielen nutzen. Auch mag ich es, dass die Straßen nicht so eng, sondern großzügig sind.“

Wir schlendern zu Olis Kiosk, einer der schönsten Trinkhallen der Stadt am Will-Quadflieg-Platz. Hier hat Reeb seinen ersten Kaffee auf Oberhausener Grund und Boden getrunken. Im Pappbecher wird er gereicht, Milch und Zucker sowie Plastikstäbchen zum Umrühren werden in einem Mini-Einkaufwagen serviert. Am Stehtisch kommt man ins Gespräch.

Wir besuchen die Maria-Figur, die gegenüber der Marienkirche – „die ist klasse“, so Reeb – das Pfarrhaus ziert. Sie sieht aus, als beschütze sie das Viertel. Die am St. Josef Krankenhaus angebrachte Gedenktafel ist Herrn Reeb eine „lobende Erwähnung“ wert: Sie erzählt, dass Widerstandskämpfer im Keller des Gebäudes während der Nazizeit eine Druckerei unterhielten und im Juni 1935 zu insgesamt 66 Jahren KZ verurteilt wurden. „Ihr mutiger Einsatz soll uns Mahnung bleiben“, zitiert Reeb. Die Tafel erinnere nicht nur an die Geschichte, sie ermuntere dazu, sich zu engagieren. „Ich mag auch die Initiative hier im Viertel, die sich dafür einsetzt, dass etwas mit dem ehemaligen Lyzeum geschieht.“ Deren Motto, „zu alt, um das Haus zu besetzen, zu jung, um einfach alles weiterlaufen zu lassen“, passe auch zu ihm. „Leider war ich, als das Straßenfest, das auf das Problem aufmerksam machte, stattfand, nicht hier.“

In der Tat bietet das Haus, das an der Ecke Elsa-Brändström-/Freiherr-vom-Stein-Straße steht, einen traurigen Anblick. Holzbretter verrammeln die kaputten Fensterscheiben. Wir gehen weiter Richtung Rathaus, das der Mann aus Süddeutschland „Stadthaus“ nennt. Links ist der Gasthof „Zum Rathaus“. Er wird „lobend erwähnt“, weil es hier Kristall-Weizenbier“ gibt. Vor dem Rathaus sieht Reeb zum ersten Mal die riesige, frisch installierte Plastik „Adamas“ des Künstlers Günter A. Steinmann. Reeb: „Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis da ein Graffiti drauf ist.“ Durch den Grillo-Park, vorbei an der Kurzfilmtage-Villa geht’s zurück zur Ebertstraße. Reeb kommt noch einmal aufs Theater zu sprechen. Er erzählt, dass er es bewundert, wie offen und zugänglich sich die Schauspieler geben, wenn man sie zufällig im Falstaff oder in der Theaterbar trifft.

Auch sie prägen das Viertel und sind gerne hier.