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Stottern : Ein Leben unter Druck

Oberhausen, 21.10.2009, Barbara Hoynacki (Text) und Hayrettin Özcan (Foto)

Jahrelang bemühte sich Volkhard Ramseger seine Sprachbehinderung zu verbergen. „Mein Leben lang hatte ich Furcht davor, wie andere mein Stottern wohl empfinden könnten”, erzählt er. „Bis vor fünf Jahren war ich nicht in der Lage, ein Telefonat zu führen.”

„Das größte Leid tut der Stotterer sich selbst an”, sagt Volkhard Ramseger nachdenklich. Der 47-Jährige weiß, wovon er spricht. Fast 40 Jahre lang mühte sich der Oberhausener, seine Sprachbeeinträchtigung zu verbergen. Das blieb nicht ohne Folgen.

Volkhard Ramseger stammt aus einer Arbeiterfamilie. Wenn der Redefluss des Fünfjährigen mal wieder stockte, bemerkten seine Eltern: „Ach, der Junge denkt halt schneller, als er sprechen kann.” Volkhard Ramseger ist sich sicher: „Hätten meine Eltern mein Stottern ernst genommen, wäre mir viel erspart geblieben.” So aber seien Schule und Studium für ihn „zur Hölle” geworden.

„Schriftlich stand ich zwei, mündlich fünf bis sechs.” Noch heute erinnert er sich an seinen Versuch, ein englisches Gedicht aufzusagen: „Ich bekam Schweißausbrüche, die Stimme ging zu, die Luft blieb weg.” Nicht einen Ton habe er herausbekommen. Reaktion des Lehrers: „Ramseger, setzen, sechs.” Da sei er so wütend geworden, dass er sich plötzlich reibungslos beschweren konnte. Zum Erstaunen des Pädagogen habe er das Gedicht schließlich fehlerlos an die Tafel geschrieben.

„Mein Leben lang hatte ich Furcht davor, wie andere mein Stottern wohl empfinden könnten”, erzählt er. Und so eignete er sich selbst Techniken an, seine Blockaden möglichst zu verbergen. „Bis vor fünf Jahren war ich nicht in der Lage, ein Telefonat zu führen.” Stattdessen schrieb er Mails.

Lehrer war sein Wunschberuf, doch den opferte er der Sprachbehinderung: „Stotternd vor einer Klasse – das geht gar nicht.” Also wurde er Dipl. Kaufmann, ein sehr erfolgreicher noch dazu. „Ich war im Management eines IT-Unternehmens tätig.”

Um die sprachlichen Defizite auszugleichen, glänzte er durch Perfektion in allen anderen Bereichen. „Gab es eine Besprechung, bereitete ich mich tagelang vor.” Keiner seiner Kollegen ahnte etwas von seinem Problem. „Der Druck, unter den ich mich setzte, wurde immer größer.” Folge: Burn-Out-Syndrom, zwei Monate Reha, Ausstieg aus dem alten Job.

Zum ersten Mal setzte sich Volkhard Ramseger bewusst mit seiner Redefluss-Störung auseinander. „Ich begriff, dass ich mein Stottern als Teil von mir akzeptieren muss”, erzählt er. Als der Dipl. Kaufmann Arbeit in der Buchhaltung eines kleineren Unternehmens fand, outete er sich gleich am Anfang. „Alle Kollegen wissen Bescheid, der Druck ist weg. Ich muss Sprachblockaden nicht mehr umschiffen, sondern stehe dazu.” Trotz unzähliger Sprechübungen, Volkhard Ramseger weiß: „Mein Stottern wird mich ein Leben lang begleiten.”

Um anderen in ähnlicher Situation zu helfen, gründete Ramseger eine Stotterer-Selbsthilfegruppe in Duisburg. Eine weitere in Oberhausen ist für 2010/2011 geplant. „Wir informieren uns gegenseitig, etwa über geeignete Sprachtherapeuten.” Aber es werden auch Alltags-Situationen trainiert. Ein Telefonat zum Beispiel, in das bewusst Stolper-Fallen integriert werden, die man sonst lieber vermeidet.

Das nächste Treffen der Gruppe ist am Mittwoch, 4. November, um 19 Uhr im Malteser Krankenhaus St. Anna, dort im Malteser-Hospiz St. Raphael, Albert Magnus-Str. 33, Duisburg-Huckingen. Anmeldung nicht erforderlich.

Geduldig bleiben

Etwa jedes fünfte Kind in Deutschland stottert. Bei fast 80 Prozent verschwindet die Sprachbehinderung bis zum Erwachsenenalter wieder.

Am häufigsten tritt eine entwicklungsbedingte Störung bei Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren auf. Das sei in der Regel aber harmlos. „Da wiederholen Kinder plötzlich ganze Worte oder auch Sätze”, erläutert Logopädin Simone Huth. Besonders wichtig in solchen Fällen sei die Reaktion der Eltern, Erzieherinnen.

„Man sollte die Kinder nicht unterbrechen, sondern aussprechen lassen”, rät Simone Huth. Fatal seien dagegen Ratschläge wie: „Atme erst mal tief durch” oder „Du sollst doch langsam sprechen”. Besser: „Geduldig bleiben und die Wiederholungen einfach ignorieren. Tun Sie so, als wäre alles o.k.”, sagt die Logopädin.

Hellhörig werden sollte man aber, wenn es dauerhaft zu Silben- und Lautwiederholungen, Sprachblockaden oder -dehnungen kommt. Simone Huth: „Da sollte unbedingt der Kinderarzt konsultiert werden.” Diagnostiziere dieser eine Redefluss-Störung, verordne er in der Regel auch gleich eine Therapie.

„Dabei geht es erst einmal darum herauszufinden, um welche Form des Stotterns es sich genau handelt”, erläutert Simone Huth. „Man unterscheidet das primäre Stottern, also das eigentliche physische oder psychische Problem, und das sekundäre Stottern.” Letzteres beinhalte alle Tricks, die sich der Stotterer ausgedacht hat, um wieder ins flüssige Sprechen zu gelangen. Dazu zählten etwa das Vermeiden von gefürchteten Wörtern durch Füllwörter, Pausen oder Starthilfen wie „äh” oder „so”. Auch körperliche Symptome kämen vor. „Eine verzerrte Mimik, das Aufstampfen mit dem Fuß und ähnliches.”

Ziel der mitunter jahrelangen Therapie sei das möglichst flüssige Sprechen. „Je früher die Behandlung einsetzt, umso größer sind die Erfolgsaussichten”, sagt Simone Huth. Stotterfreiheit könne sie aber niemandem versprechen. „Das hängt einfach von viel zu vielen Faktoren ab.”

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