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20 Jahre im Dienste der Aufklärung

02.09.2008 | 18:53 Uhr

GESELLSCHAFT. Die Beratungsstelle von Pro Familia hilft Jugendlichen bei der Entdeckung ihrer eigenen Sexualität.

Aller tatsächlicher oder vermeintlicher Liberalität zum Trotze: Es ist nicht einfach für Heranwachsende heute, mit der erwachenden Sexualität zurecht zu kommen. So führen etwa Heidi Klum und ihre Supermodels jungen Mädchen ein Schönheitsideal vor, das für die meisten unerreichbar bleiben muss. Durch das Internet fast frei verfügbare Pornobilder oder -filme suggerieren Jungs ein Zerrbild des sexuell aktiven Mannes, das mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Was bleibt, sind verunsicherte Heranwachsende, die viele Fragen haben - und diese weder ihren Eltern noch ihren Lehrern oder anderen Respektspersonen stellen wollen.

In diese Beratungslücke stößt Pro Familia. Seit 20 Jahren widmet sich die Oberhausener Beratungsstelle an der Bismarckstraße dem Thema Sexualpädagogik. Was Ende der achtziger Jahre mit der Einrichtung einer ABM-Stelle begann, ist mittlerweile zu einer Institution herangewachsen, die pro Jahr gut 1000 jugendliche Oberhausener erreicht.

Vor allem eines konnten Sexualberater Andreas Müller und seine Kolleginnen dabei feststellen: Ein Rückgang von Tabus bedeutet nicht unbedingt einen Zuwachs an Wissen. "Wir erzählen schon so viele Jahre immer wieder das Gleiche", fast Dr. Christine Gathmann, die Ärztin im Team, ihre Erfahrungen zusammen. "Aber es muss eben auch jeder mal durch die Pubertät, und da stellen sich immer wieder dieselben Fragen."

"Pornographisierung"

wirkt sich aus

Beantworten muss die das Team von Pro Familia heute allerdings unter ganz anderen Voraussetzungen als vor 20 Jahren. "Der ganze Müll aus dem Internet oder der bei Privatsendern gezeigt wird, verunsichert die Jugendlichen", erklärt Andreas Müller. "Es ist völlig uferlos, was Jugendliche heute sehen können. In der Beratung bekommen wir da oft die irrsten Geschichten zu hören, und dann muss man erst mal die Frage klären: Ist das real?" Diese "Pornographisierung" habe vor allem in den vergangenen zehn Jahren zugenommen, und sie wirke sich klar auf die Jugendlichen aus.

"Sexuelle Praktiken, die früher tabuisiert waren, werden heute von den Jugendlichen thematisiert", so Müller. Zudem entstehe Druck auf die Teenager: "Man muss möglichst früh Sex haben wollen." Diese Mechanismen gelte es zu durchbrechen. "Die Jugendlichen sollen sich nicht überrennen lassen", fordert die Psychologin Karin Horn.

Allerdings stehen die Sexualpädagogen nicht nur vor einem großen Berg von Problemen in ihrer Arbeit, sie können auch Erfolge vorweisen. "Die Akzeptanz von Kondomen ist viel, viel größer geworden", hat Andreas Müller bei seinen Gesprächen mit Jugendlichen gemerkt, Christina Gathmann kann dies bestätigen: "Studien zeigen, dass das Verhütungsverhalten von Jugendlichen doppelt so gut ist wie das von Erwachsenen. Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften ist heute rückläufig."

Dazu hat es beharrlicher Aufklärungs-Arbeit bedurft. Die leistet das Team von Pro Familia vornehmlich in Schulen, auf Einladung engagierter Lehrer oder im Rahmen von Schulprojektwochen. Das ist allerdings nicht immer ganz einfach. "Eine Projektwoche strapaziert unsere Personaldecke schon erheblich", sagt Andreas Müller. Lieber würde man mit einzelnen Klassen - dann unterteilt in Jungen und Mädchen - arbeiten. Doch dies ließen randvolle Lehrpläne immer seltener zu.KONTAKT ZUM TEAMJugendliche, die Fragen rund um die Sexualität haben, müssen nicht erst warten, bis das Beratungsteam in ihre Schule kommt. Die Pro-Familia-Beratungsstelle an der Bismarckstraße 3 bietet montags von 13 bis 15 Uhr eine offene Jugendsprechstunde an. Wer sich gar nicht traut, mit den Beratern zu sprechen, kann ihnen auch eine E-Mail schicken unter oberhausen@profamilia.de oder einfach in der Beratungsstelle anrufen: Tel: 86 77 71.

Außerdem bietet Pro Familia bundesweit auf der Internet-Seite www.sextra.de die Möglichkeit, Fragen rund um das Thema Sexualität zu stellen, diese werden dann von Fachleuten beantwortet.

JOACHIM BÄUMER

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