11 Jahre Oberhausener Oberbürgermeister - was Wehling bereut

Seit elf Jahren Hausherr im Oberhausener Rathaus: Klaus Wehling. Der Sozialdemokrat
Seit elf Jahren Hausherr im Oberhausener Rathaus: Klaus Wehling. Der Sozialdemokrat
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Was wir bereits wissen
Noch ist Klaus Wehling nicht wehmütig, doch der Abschied aus seinem Amt als Oberhausener Oberbürgermeister rückt näher. Im Interview zieht er Bilanz.

Oberhausen.. Noch ist er nach eigener Aussage nicht wehmütig, doch der Abschied aus seinem Amt als Oberbürgermeister rückt näher und näher. Nach elf Jahren geht Klaus Wehling in den Ruhestand, zweimal hatte er die Oberbürgermeister-Wahlen mit einem guten Ergebnis gewonnen. Doch in vier Monaten ist für den Sozialdemokraten Schluss. Im ausführlichen Interview mit unserer Redaktion zieht der 68-Jährige eine insgesamt positive Bilanz seines Engagements an der Stadtspitze – und verschweigt nicht, welche Entscheidungen ihn heute noch ärgern.

Herr Oberbürgermeister, nach elf Jahren müssen Sie Ihr Amt als Stadtoberhaupt von Oberhausen bald abgeben. Stimmt Sie das wehmütig oder sind Sie froh, die Aufgabe los zu sein?

Klaus Wehling: Teils, teils. Im Moment bin ich noch nicht wehmütig, aber je näher mein letzter Arbeitstag, der 20. Oktober, heranrückt, desto mehr werde ich es wohl sein. Insgesamt war das eine erfolgreiche und sehr abwechslungsreiche Zeit. Aber auf der anderen Seite merke ich mit dem Alter auch die zunehmende Arbeitsbelastung als Oberbürgermeister. Das stecke ich nicht mehr so leicht weg wie vor elf Jahren.

Wenn Sie zurückblicken: Worauf sind Sie besonders stolz?

Wehling: Zu Beginn meiner Amtszeit 2004 war das Verhältnis zwischen den Düsseldorfer Ministerien und der Kommunalaufsicht zu Oberhausen zerrüttet: Wir waren dort keine Gesprächspartner mehr. Ich habe maßgeblich dafür gesorgt, dass wir mittlerweile wieder eine gute Arbeitsbeziehung haben. Auf Oberhausen bezogen: Stolz bin ich auf meine dauerhaften sozialen Projekte, die ich zu jedem meiner elf Jahresempfängen gestartet habe: Angefangen vom Mittagstisch für Kinder über den Generationengarten bis hin zum Jugendfriedenspreis. Stolz bin ich auch auf die Einrichtung des Büros für Chancengleichheit. Das ist bisher einmalig in Deutschland.


Gibt es Entscheidungen von Ihnen, die Sie heute im Rückblick bedauern?

Wehling: Ja, die gibt es. Besonders der Verkauf des Stahlwerksgeländes gegenüber dem Centro schmerzt aus heutiger Sicht. Damals, Anfang 2006, hatten wir große Hoffnung, dass dieses attraktive Areal vom nordirischen Käufer schnell an Firmen vermarktet wird und dort Arbeitsplätze geschaffen werden. Dass der Erwerber kein Interesse an einer zügigen Vermarktung zeigte, um sein Geld wieder hereinzubekommen, konnten wir damals nicht wissen. Zur Wahrheit gehört auch: Hätte die schwarz-gelbe Landesregierung das Gesundheitswirtschafts-Projekt Ovision auf dem Stahlwerksgelände 2005 genehmigt, hätten wir in der Gesundheitswirtschaft neue Unternehmen angesiedelt und damit viele Arbeitsplätze geschaffen.


Warum haben Sie nicht auf den Erwerber mehr Druck ausgeübt?

Wehling: Wir haben das ja immer wieder versucht, doch das hatte keinen Erfolg. Ich will mich nicht herausreden, aber Fakt ist: Seit 2006 ist es kein städtisches Grundstück mehr – und der private Investor hat mit seinen Preisvorstellungen nicht dafür gesorgt, dass es erfolgreich bespielt werden konnte.


Sie haben ja als Chef der Stadtverwaltung und oberster Repräsentant Oberhausens eine Fülle von Aufgaben gehabt. Was haben Sie gerne gemacht, was hat Ihnen überhaupt nicht behagt?

Wehling: Am besten gefiel mir der Kontakt mit den Menschen. Kritiker von mir haben zwar manchmal gemeint, ich würde mich um zu viele Sachen kümmern, aber ich finde es halt sehr wichtig, sich für die Belange einzelner Bürger, von Firmen, von Vereinen oder auch von Wohlfahrtsorganisationen einzusetzen.


Wie haben Sie nach Ihrer Meinung Ihre Rolle als Stadtoberhaupt ausgefüllt – als Manager, als Repräsentant Oberhausens, als Kümmerer, als Visionär, als Stimme kleiner Leute?

Wehling: In meiner Rolle als Oberbürgermeister habe ich mich weniger um die Etikette gekümmert, es ging mir in erster Linie um die Ergebnisse meiner Arbeit. Ich habe mich auf die Themen Arbeit, Bildung und Chancen konzentriert, Bereiche, in denen Oberhausen Nachholbedarf hatte. Dabei habe ich mich nicht nur um einzelne Menschen und Verbände im sozialen und bildungspolitischen Bereich gekümmert, sondern gerade auch um mittelständische Betriebe in Oberhausen.


War es falsch, die Aufgaben des früher nur repräsentierenden Oberbürgermeisters mit den Aufgaben des Oberstadtdirektors, also des Chefs der Stadtverwaltung, in NRW zusammenzulegen?

Wehling: Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass die Aufgaben und das Arbeitspensum nur zu erfüllen sind, wenn man ein gutes Team hat. Denn Oberbürgermeister haben nicht nur diese zwei Säulen auszufüllen, sondern drei: Im Interesse der Stadt muss man sich vernetzen mit zahlreichen Organisationen – mit der Energiewirtschaft, den Sparkassenverbänden, der Wirtschaft, mit den anderen Kommunen beim Städtetag. Das ist ein sehr hoher Arbeitsaufwand.


Gerade diese dritte Säule steht ja in der Kritik: Ihre Kontrollfunktion als Aufsichtsrat in 21 Firmen. Ist das überhaupt zu bewältigen? Ist das wirklich notwendig?

Wehling: Die hohe Arbeitsbelastung ist letztendlich der Preis dafür, gut vernetzt zu sein, um für die Stadt etwas zu erreichen. Bei der Vielzahl der Aufsichtsräte ist es sehr schwer, die Kontrollfunktionen im ausreichenden Maße wahrzunehmen. Aber nicht alle Aufsichtsrats- oder Vorstandsposten erfordern einen hohen Zeitaufwand.


Viele Bürger glauben ja, ein Oberbürgermeister hat so viele Posten, weil sich das finanziell lohnt.

Wehling: In den meisten Fällen ist das nicht der Fall, ich habe das Geld zu großen Teilen an die Stadt abgeführt.


Es gab in Ihrer Amtszeit eine Reihe von negativen Nachrichten: Sparkassen-Kreditdebakel, der aktuelle Handy-Betrugsfall. Waren das alles unabänderliche Schicksalsschläge oder hätte man energischer und schneller handeln müssen?

Wehling: Bei krimineller Energie ist man leider vor Schäden trotz bester Kontrollen nicht gefeit.

„Meine Amtszeit war alles andere als beschaulich“

Wie steht nach Ihrer Ansicht Oberhausen heute im Vergleich zum Jahr Ihres Amtsantritts 2004 da? Besser oder schlechter?

Wehling: Was die Finanzsituation betrifft, deutlich besser. Seit 1986 konsolidieren wir den Haushalt, die Lage war so dramatisch, dass wir nicht mehr handlungsfähig waren. Viele Projekte wurden durch die Kommunalaufsicht mangels Eigenanteils abgelehnt. Seit vier Jahren haben wir wieder Spielräume bei Investitionen. Klasse stehen wir im Sport da: Bei den Schwimmbädern und bei den Sportplätzen. Und in der Kultur sind wir mit dem Theater, mit dem Gasometer und mit der Ludwiggalerie fantastisch aufgestellt. In meiner Amtszeit sind die sozialen Netze enger und tragfähiger geworden, für Kinder, Jugendliche und Familien.

Und wo sieht es in Oberhausen heute schlechter aus?

Wehling: Leider ist die Arbeitsplatz- und Ausbildungssituation in Oberhausen weiter unbefriedigend. Es ist nicht gelungen, die Ausbildungssituation grundlegend zu verbessern. Die Zahl der Arbeitsplätze haben wir steigern können. Leider hat Oberhausen immer noch eine hohe Arbeitslosenquote, mit der ich mich nicht abfinden möchte.


Haben Sie Wünsche an Ihren Amtsnachfolger? Was muss er dringend weiter verfolgen oder völlig neu anpacken?

Wehling: Entscheidend ist, dass die Menschen sich in Oberhausen weiter wohl fühlen. Auf die weichen Standortfaktoren kommt es an, um Bürger, Arbeitnehmer oder Manager zu gewinnen, nach Oberhausen zu ziehen. Für den Erhalt der hohen Lebensqualität in Oberhausen ist es wichtig, dass die Attraktivität der Stadtteile auch in Zukunft erhalten bleibt.

Im Vergleich zu der turbulenten Amtszeit Ihres Vorgängers, Burkhard Drescher, verlief Ihre Ära deutlich beschaulicher. Hätten Sie mehr wirbeln müssen, um Oberhausen nach vorne zu bringen?

Wehling: Zum einen liegt es nicht in meinem Naturell, wie ein Wirbelwind aufzutreten, zum anderen waren die Bedingungen damals völlig anders. Nimmt man nur die aktuellen Probleme, so wird deutlich, dass meine Amtszeit alles andere als beschaulich ist und war. Ein aktuelles Beispiel ist die Standortwahl für die Unterbringung der Flüchtlinge. Wir haben alle Standorte noch einmal überprüft. Dabei hat sich herausgestellt, dass an der Sperberstraße weniger Plätze realisiert werden können als ursprünglich geplant. Die Detailplanung zeigt, dass der Standort Sperberstraße tatsächlich nicht geeignet ist. Angesichts des großen Handlungsdrucks, größere Kapazitäten zu schaffen, müssen wir die Unterbringung in Wohnungen, kurzfristig realisierbare Erweiterung an Standorten (etwa an der Gabelstraße), aber auch ein kommunales Wohnungsbauprogramm stärker in unsere Betrachtungen einbeziehen.

„Ich bin kein Mensch, der auf Konfrontationen aus ist“

Sie gelten als ein Stadtoberhaupt, das die Spitze des Rathauses eher mit der langen Leine regiert. Hätten Sie härter durchgreifen müssen?

Wehling: Ich bin nicht der Typ, der die Backen aufbläst, um kurzzeitig jemanden zu beeindrucken. Wenn, dann habe ich mir genau überlegt, ob ich auch pfeifen kann. Im Nachhinein würde ich aber die ein oder andere Entscheidung heute anders treffen. Bei der Arbeit mit den Dezernenten gilt: Der Oberbürgermeister hat nach der Gemeindeordnung nicht die Richtlinienkompetenz wie ein Bundeskanzler. Wenn die Aufgabenfelder verteilt sind, dann sind die Zuständigkeiten klar. Ich bin kein Mensch, der auf Konfrontationen aus ist.

Sie sind schon mehrere Jahre Aufsichtsratsvorsitzender der Wirtschaftsförderung des Ruhrgebiets, vertreten als Stadtoberhaupt eine bedeutende Großstadt des Ruhrgebiets. Warum sind Sie nicht als Sprachrohr des Ruhrgebiets stärker in Erscheinung getreten?

Wehling: So habe ich meine Rolle nicht verstanden. Bei konkreten Problemen habe ich parteiübergreifend Netzwerke im Ruhrgebiet geknüpft und dadurch unsere Schlagkraft gemeinsam erhöht. So ging die Bündnis-Aktion der Städte, stärker auf die strukturell schlechte Finanzlage der Ruhrgebiets hinzuweisen, hier von Oberhausen aus. Auch das wichtige gemeinsame Treffen aller Oberbürgermeister im Revier, um Sachthemen abzusprechen, ist auf meine Initiative zu Stande gekommen.


Das Interview mit Klaus Wehling führte Peter Szymaniak.