Mehrmals Hab und Gut verloren

Hüsten..  Das Leid der Flüchtlinge ist so alt wie die Menschheit. Zu allen Zeiten hat es Kriege und Krisensituationen auf der Welt gegeben, die Anlass zur Flucht gaben - nicht nur in unseren Tagen. Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges mussten Hunderttausende ihre Heimat verlassen, um Gräuel- und Missetaten zu entgehen, zum Beispielin der ostdeutschen Heimat.

Ingrid Grill, heute 80 Jahre alt, hat das Leid der Flüchtlinge gleich zweimal erleben müssen. Sie erblickte 1935 in Witten das Licht der Welt. 1942, im Alter von sieben Jahren wurde ihr Haus von Bomben getroffen. Mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern fanden sie in Ostpommern, nahe Schneidemühl, ein neues Zuhause. Ihr Vater war in der Heimat unabkömmlich. In dem kleinen Örtchen Dyk lebte sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern auf einem kleinen Gut, wo auch viele deutsche verwundete Soldaten behandelt wurden.

Aufgetauten Schnee getrunken

„Als Anfang 1945 die Russen immer näher an Pommern heranrückten, gab man uns den Rat, nach Westdeutschland zu fliehen“, so Ingrid Grill. Ein auf dem Gut beschäftigter Stellmacher hat uns einen Erntewagen „fluchtfähig“ gemacht, und so konnten wir mit Pferd und Wagen den Weg gen Westen im Februar 1945 antreten - immer begleitet von Schießereien von allen Seiten. „Wir hatten kaum was zu essen und haben, um nicht zu verdursten, aufgetauten Schnee getrunken.“ Ende Februar wurde schließlich Berlin erreicht.

Von da ging es mit einem Wehrmachtszug weiter bis nach Dresden, immer die nachrückenden Russen im Nacken. Nachdem wir hier drei Tage und drei Nächte in einem Bahnhof „gewohnt“ haben, fuhren wir mit dem Zug weiter, über Bielefeld bis nach Dortmund. „Unsere alte Heimat Witten hatten wir bald wieder erreicht, und zwar Anfang März. Aber am 19. März dann ein erneuter Rückschlag: Bei einem Bombenangriff wurde unser Haus getroffen und ganz in Schutt und Asche gelegt. Wir verloren alles, was uns noch an Hab und Gut geblieben war.“

Im Auftrag Tresore geknackt

Die Familie machte sich dann 15 Kilometer zu Fuß auf nach Witten-Stockum. Hier haben wir zunächst stundenlang in einem Graben gesessen, bis sich am Abend um 22 Uhr eine Frau erbarmte und uns aufnahm in ihr Haus.

Als nach vier Wochen die Amerikaner einrückten, beschlagnahmten sie das Haus. Wir standen erneut auf der Straße, hatten aber schon bald Glück. „Mein Vater war handwerklich begabt und wurde von den Amis aufgefordert, Geldschränke zu knacken, die sie von Fabrikanten erbeutet hatten. Als „Dank“ besorgten uns die Amis eine neue Wohnung.“

Vor 25 Jahren Umzug ins Sauerland

Ingrid Grill blieb hier, bis sie Mitte der 50er Jahre ihren aus Sachsen stammenden Mann kennen lernte. 1990 erfolgte dann der Umzug ins Sauerland.Ingrid Grill wohnte zuerst in Müschede, dann in Hüsten auf dem Mühlenberg und im Rumbecker Holz . Vor drei Jahren hat sie mit ihrem Mann im Betreuten Wohnen, im Hause Bahnhofstraße 177, ein neues Zuhause gefunden.

Die Eheleute Grill hatten drei Töchter bekommen, die hier geheiratet haben und heute mit ihren Familien in Hüsten, Herdringen und Müschede wohnen. Die Familie Grill - auch die zweite und dritte Generation - fühlen sich inzwischen alle als Sauerländer. Doch die Flucht nach Ostpommern und die Flucht zurück in die Heimat hat Ingrid Grill auch nach mehr als 70 Jahren nicht vergessen.