Experten zur AL-Quote: „Arbeitslose werden nicht versteckt“
10.02.2012 | 12:11 Uhr 2012-02-10T12:11:00+0100
Arnsberg.Die Arbeitsagentur und das Job-Center werden häufig mit dem Vorwurf einer geschönten Arbeitslosenquote konfrontiert. Denn Personen, die sich zum Beispiel in beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen befinden, tauchen in der AL-Quote nicht auf.
Die WAZ-Mediengruppe bat heimische Arbeitsmarkt-Experten um Erläuterungen zur Berechnung der Arbeitslosenquote am Beispiel der Arnsberger Quote von 7,3 Prozent im Januar 2012.
Wer an mehrmonatigen Fortbildungen (zum Beispiel zum CNC-Dreher) oder an einer längeren beruflichen Ausbildung teilnimmt, wird nicht mehr in der monatlich verkündeten Arbeitslosen-Quote erfasst. „Das halte ich aber nicht für versteckte Arbeitslosigkeit. Dieser Personenkreis steht wegen der neuen beruflichen Qualifizierung dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung und kann daher auch bei der Berechnung der Arbeitslosenquote unberücksichtigt bleiben“, betont die Pressesprecherin der Bundesagentur für Arbeit im Hochsauerlandkreis, Larissa M. Probst. „Nicht vergleichbare Personenkreise soll man auch nicht vermengen“, verteidigt sie das statistische Erhebungssystem.
Der Geschäftsstellenleiter der Arnsberger Agentur für Arbeit, Bernd Wiehagen, erläuterte den Begriff der „arbeitslos gemeldeten Personen“. Denn nur diese Personen werden letztlich in der Arbeitslosenquote gezählt. Am Beispiel der Stadt Arnsberg heißt dies im Januar 2012: Zu einem Stichtag in der Mitte des Monats Januar 2012 wurden 2903 arbeitslos gemeldete Personen im Stadtgebiet Arnsberg gezählt. Die Zahl der in der Arnsberger Arbeitsagentur registrierten Arbeitssuchenden liegt deutlich höher. Im Januar 2012 wurden 5576 Arbeitssuchende gezählt.
Doch wer ist nun ein arbeitslos Gemeldeter? Nur jemand, der Arbeitslosengeld 1 bezieht? „Nein, auch Schüler, die nach dem Schulabschluss keine Lehrstelle gefunden haben, oder Studenten, die keinen Arbeitsplatz bekommen haben, werden - soweit sie sich in der Arbeitsagentur gemeldet haben - als arbeitslos gemeldet geführt, auch wenn sie kein Arbeitslosengeld 1 erhalten“, sagt Bernd Wiehagen. Das Gleiche trifft auch auf Arbeitnehmer zu, die von sich aus ihre Arbeitsstelle gekündigt haben und während der Sperrfrist kein Arbeitslosengeld 1 erhalten. Sie werden als arbeitslos gemeldet in der Arbeitslosenstatistik geführt. „Arbeitslos gemeldete Personen sind also nicht zwangsläufig Arbeitslosengeld1-Empfänger“, betont Bernd Wiehagen.
In der Gesamtzahl von 2903 arbeitslos gemeldeten Personen im Arnsberger Stadtgebiet im Januar 2012 (AL-Quote=7,3 %) gehören 806 Personen, die von der Arnsberger Agentur betreut werden, sowie 2097 Personen, die von dem im Rathaus ansässigen Job-Center Arnsberg betreut werden, die dann auch für die Arbeitslosengeld-II-Zahlungen („Hartz IV“) zuständig sind. Dies bedeutet: Zwei Drittel aller in Arnsberg arbeitslos gemeldeten Personen wurden im vergangenen Januar vom Job-Center betreut. Hier wird das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit besonders deutlich.
„Die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt ist natürlich unser vorrangiges Ziel“, berichtet Andrea Welschoff, Leiterin des Arnsberger Job-Centers. „Wer für eine umfangreiche Weiterbildung oder Umschulung geeignet ist, schafft meistens auch den Abschluss. Ich schätze hier die Erfolgsquote auf etwa 80 bis 90 Prozent. Unser Problem besteht eher darin, Personen mit gesundheitlichen Problemen oder schwierigem familiären bzw. sozialen Umfeld in den 1. Arbeitsmarkt zu vermitteln. Hier gibt es eine gewisse Sockelarbeitslosigkeit bzw. den Drehtür-Effekt, dass nach einem Job oder dem Ende einer Maßnahme die gleiche Person wieder bei uns ist.“
Hintergrund-Wissen
Um in der Europäischen Union die Arbeitslosenquoten der einzelnen Staaten vergleichen zu können, wird die Anzahl der arbeitslos gemeldeten Personen in Relation zu allen zivilen Erwerbspersonen von 15 Jahren bis zum gesetzlichen Ruhestand (65 Jahre) gesetzt.
Im Arnsberger Stadtgebiet sind für den Arbeitsmarkt die Agentur für Arbeit an der Langen Wende in Neheim sowie das Job-Center im Rathaus zuständig. Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit kümmert sich die Arbeitsagentur insbesondere um die Bezieher von Arbeitslosengeld 1. Wer danach keinen Arbeitsplatz gefunden, wird vom Job-Center Arnsberg betreut, das insbesondere für die Zahlung von Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) zuständig ist.
Dank der guten wirtschaftlichen Entwicklung betrug die Arnsberger Arbeitslosenquote im Januar 2012 nur 7,3 Prozent. Im Januar 2011 lag sie noch bei 8,6 %. In absoluten Zahlen ist der Rückgang noch deutlicher: Die Zahl der in der Quote erfassten „arbeitslos Gemeldeten“ sank von 3430 im Januar 2011 auf 2903 im Januar 2012.
Das, was landläufig als 1-Euro-Jobs bezeichnet wird, heißt in der Arbeitsagenturstatistik offiziell Arbeitsgelegenheit. Im gesamten HSK (für den Geschäftsstellenbezirk Arnsberg wird die Zahl statistisch nicht erfasst) gab es im Januar 2012 437 1-Euro-Jobs. Diese Arbeitsmarkt-Fördermaßnahme soll ab 1. April 2012 bundesweit aber nur noch in sehr geringem Umfang umgesetzt werden. Die Leiterin des Job-Centers Arnsberg, Andrea Welschoff, bedauert dies. Sie sieht in 1-Euro-Jobs eine durchaus wirkungsvolle Aktivierungsmaßnahme für den Arbeitsmarkt.
Interview mit dem Arnsberger IG-Metall-Chef Wolfgang Werth
Zur Aussagefähigkeit der Arnsberger Arbeitslosenquote bat die WAZ-Mediengruppe den Ersten Bevollmächtigten der IG Metall Arnsberg, Wolfgang Werth, um ein Gespräch.
Frage: Herr Werth, halten Sie die Arbeitslosenquote für geschönt?
Werth: Grundsätzlich stellt eine Statistik immer nur das dar, was sie zeigen will. So können kritische Betrachter nicht das erkennen, was sie erfahren möchten. Den Mitarbeitern der Arbeitsagentur und des Job-Centers will ich aber keine Vorwürfe machen. Sie führen Statistiken so aus, wie die gesetzlichen Vorgaben sind. Und diese Vorgaben werden von der Politik gemacht. Die Arbeitslosenquote ist schon seit vielen Jahren ein Politikum. Ob nun Rot-Grün oder Schwarz-Gelb regierte, es gab immer eine politische Arbeitslosenquote.

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