Ein Garten für die Religionen
13.08.2010 | 18:00 Uhr 2010-08-13T18:00:00+0200
Nachrodt.Natur. Der Blick geht weit über das Lennetal hinweg. Leichtes Vogelgezwitscher, Falter rasten auf Blättern. Schmale Wege schlängeln sich am Hang, vorbei an würzigen Kräuterkulturen, an Rhododendron-Gruppen, an üppig Blühendem.
Dr. Reinhard Kirste und seine Frau Karin leben in einem kleinen Gartenparadies in Nachrodt. In den Serpentinen-Kehren lädt ein Baumstumpf zum Verweilen und Schauen ein.
Hinter der nächsten Biegung thront ein Buddha; eine blaue Kugeln baumelt im Baum, ein großes Objekt spreizt sich mitten im Kapuzinerkressen-Meer. Die Skulptur heißt Buchschwingung. Sie passt zu ihren Besitzern. Bücher sind deren großes Thema. Sandbücher, Glasbücher, Blechbücher.... 35 000 Exemplare aus Papier beherbergt das Haus, beherrschen die Zimmer auf allen Etagen.
Das Gros der Sammlung beschäftigt sich mit Religion (en). Ein Thema, das das Ehepaar Kirste verbindet. Reinhard Kirste ist ein evangelischer Pfarrer. „Alle Religionen bedürfen einander, nicht nur in ihren Gemeinsamkeiten, sondern gerade in ihren Unterschieden, durch die sie einander ergänzen. Wir sollen in der eigenen Religion daheim und in der anderen Gäste sein, nicht Fremde“, zitiert Kirste Paul Schwar zenau. Der war zusammen mit Kirste Mitherausgeber der interreligiösen Schriftenreihe Religionen im Gespräch. Der Dortmunder Gelehrte Schwarzenau (1923 - 2006) war auch Mitbegründer der Christlich-Islamischen Gesellschaft.
Interreligiös ist Kirstes Ansatz: Um das offene Gespräch geht es dem Nachrodter, um die Erkenntnis, das alle Religionen einander bedingen, das interreligiöses Lernen wichtig ist. In seiner Zeit als Schulreferent im Großraum von Iserlohn bis kurz vor Siegen hat er hautnah mit Alltagsproblemen zu tun gehabt: mit jungen Lehrerinnen, die sich mit dem Machoverhalten kleiner Jungs mit islamischen Hintergrund arrangieren mussten, mit der Verweigerung des Schwimmunterrichts oder mit der Kopftuch-Frage. Das war in den 70ern. In Städten mit großem Anteil von Türken. Zum Beispiel in Werdohl.
1990 gründete Kirste zusammen mit anderen die interreligiöse Arbeitsstelle mit Internet-Vernetzung. Sie hat rund 70 Mitglieder, alles wache Menschen, die über den Tellerrand blicken können und dort Verbindendes zu entdecken in der Lage sind.
Den Horizont erweitern – danach leben die Kirstes auch auf ihren Reisen. Die haben sie fast überall hingeführt. Es gibt nur noch ganz wenige weiße Flecken auf der Landkarte.
Von den Reise haben sie Andenken mitgebracht. Viele stehen in Beziehung zu anderen Religionen als der ihren. Die handfesten Erinnerungen haben sie im gesamten Haus verteilt – und im Garten. Den Engel ohne Hände zum Beispiel, die japanische Laterne, den Davidstern mit leichter Rost-Patina in der Astgabelung.
Auch drinnen gibt’s jede Menge Erinnerungsträchtiges. Rüdiger Nehbergs goldenes Buch mit dem er und seine Frau Annette gegen die Genitalverstümmelung aufbegehren. Die Nehbergs wurden für Engagement von der Kirste-Stiftung in diesem Jahr ausgezeichnet.
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