Wer nicht sehen kann, darf fühlen

WR Serie - Eine Stadt für alle Taktile Hilfen oder wie ein Blindenstock geführt wird.
WR Serie - Eine Stadt für alle Taktile Hilfen oder wie ein Blindenstock geführt wird.
Foto: WR

Wetter.. Hier die Sparkasse mit ihrem modernen Spitzbau, einen fingerbreit daneben die Treppe vom Bahnhof hoch zur Königstraße - wer dem Zugang zu den Gleisen den Rücken kehrt, kann den Kern von Alt-Wetter sehen, und er kann ihn fühlen. Auf einer wanderkartengroßen Darstellung der Innenstadt, fest montiert auf zwei Säulen aus Metall.

Die Straße ist die unterste Ebene. Leicht erhöht sind die Bürgersteige. Flott rutscht der Finger über die glatte Fläche und stößt an die nächste Kante. Sie markiert die groben Umrisse der Gebäude. Und alles in gut zu unterscheidenden Farben. Selbst wer nur noch wenig sieht, kann die Flächen erkennen. Wer gar nichts mehr sieht, muss noch genauer fühlen.

„555 - Herdecke Herrentisch“ steht links am Rand der Karte. In Druckbuchstaben und in Blindenschrift. Und doch sind es nicht nur zwei Schriften, die den Haltepunkt der Buslinie benennen, sondern bei bewusstem Hinfühlen sogar drei. Normale Druckbuchstaben sind breit und haben gleich zwei Kanten als Begrenzung. Der Querschnitt dieser Buchstaben läuft von zwei Seiten spitz zusammen. Mit nur einem Grat lassen sich die Zeichen eindeutig ertasten.

„Pyramidenschrift“, sagt Martin Philipp dazu. Pyramidenschrift ist leichter zu lesen als Blindenschrift, weiß der Mitarbeiter des Forschungsinstituts Technologie und Behinderung der ESV. Pyramidenschrift ist vor allem für jene Menschen wichtig, die nicht von Geburt an blind waren. Sie sind nicht mit Blindenschrift groß geworden. Ihr Anteil ist beträchtlich: 80 Prozent der Blinden haben erst im Laufe ihres Lebens die Sehkraft verloren.

„Nicht nur Blinde haben etwas davon“

Trotzdem ist das Leitsystem am Bahnhof von Alt-Wetter auf ganzer Linie „mehrsprachig“. Es setzt auf starke Kontraste, und es baut auf Höhen und Tiefen. Mit den Fingern kann auf der Karte ertastet werden, welchen Verlauf der Weg zu einem der Bussteige nimmt. Auch mit schwacher Sehkraft ist der weiße Streifen im Pflaster wahrzunehmen, der an den Bussteigen entlang führt. Schließlich lassen sich Noppen und Rillen im weißen Pflaster wie Wegweiser lesen - als eine Art Blindenschrift für die Füße oder den Langstock.

Die grobe Richtung wird ebenso vorgegeben wie der genaue Zusteigepunkt zu den Bussen. „Nicht nur Blinde haben etwas davon“, sagt Axel Fiedler. Er ist der Behindertenbeauftragte der Stadt Wetter und zugleich ihr Seniorenbeauftragter. Solche Aufmerksamkeitsfelder sind an vielen Ampeln in der Stadt entstanden, weiß Manfred Sell vom Fachbereich Bauen der Stadtverwaltung. Die Stadt hat viel Geld für das Leitsystem am Bahnhof in die Hand genommen. Es wird in dieser Form wohl einmalig bleiben. In der ganzen Stadt gibt es keinen zweiten Verkehrsknotenpunkt, an dem so viel zu erklären ist. Mit welchen Schriftzeichen auch immer.