Wenn Kinder die Fassade aufrecht halten

Herdecke..  Die Zahl erstaunt, ja sie erschreckt. „15 Prozent aller Kinder haben ein psychisch krankes Elternteil“, sagt Dr. Arne Schmidt, niedergelassener Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Mitbegründer des Vereins Pro Kid in Herdecke. Seit 2003 lädt dieser Zusammenschluss von Fachleuten, die Kinder mit Beeinträchtigungen im Sinne der anthroposophischen Kinder- und Jugendpsychiatrie fördern wollen, zu Fachtagungen ein. Aktuell stand das Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“ im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung, zu der sich mehr als 200 interessierte Teilnehmer angemeldet hatten.

Depressionen oder Suchtkrankheiten

Vor allem Lehrer und Erzieher, die regelmäßig die Tagungen des Vereins besuchen, hatten sich dieses Thema gewünscht, da sie immer häufiger mit Kindern konfrontiert sind, deren Eltern psychisch nicht gesund sind. Vor allem Depressionen sind dabei ein Thema, aber auch Persönlichkeitsstörungen, Suchtkrankheiten, ADHS im Erwachsenenalter sowie Autismus. „Oft geht es um auch um Familien, in denen es zu einer Trennung gekommen ist oder zu Überforderung im Beruf“, weiß Schmidt. Selbst wenn für die Eltern eine Therapie verordnet wird, bleiben die Kinder mit dieser Situation meist allein.

„Das ist eine hohe Belastung“, sagt Schmidt, zumal sich Kinder häufig für die familiäre Situation verantwortlich machten. „Das Thema ist außerdem sehr mit Scham besetzt“, so die Erfahrung des Psychiaters. „Kinder sprechen nicht über die Probleme oder bekommen es von den Eltern sogar untersagt.“ Und die Kinder selbst seien nicht in der Lage, sich Hilfe zu holen. Häufig sind es Mitarbeiter der Jugendämter, die sich schließlich dieser Familien annehmen – sofern diese denn Hilfe annehmen können und wollen. Aber hier seien die finanziellen Mittel wie auch die personellen Kapazitäten begrenzt. Mit der Folge, dass gerade in belasteten Familien Therapien häufig abgebrochen würden. „Solange Betreuer die Kinder zum Termin bringen, läuft es“, sagt Arne Schmidt. Ist die Familie wieder allein verantwortlich, breche der Kontakt dann in vielen Fällen ab.

Jugendamtsmitarbeiter wollen helfen

Schmidt sieht hier nicht nur für die Eltern und Kinder, die dann keine Hilfe mehr erfahren würden, ein gravierendes Problem. Auch in den Jugendämtern seien die Mitarbeiter durch die Situation, aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Ressourcen nicht mehr helfen zu können, belastet. „Diese Menschen sind ausgebildet dafür, dass sie Probleme erkennen und Unterstützung anbieten“, sagt Schmidt. „Wir erleben das als eine sehr große Not in der Jugendhilfe.“

Ziel des Vereins Pro Kid ist es, für eine bessere Vernetzung der Beteiligten untereinander zu sorgen. „Wir wollen vor allem auch die Erwachsenen-Therapeuten sensibilisieren, dass sie die Kinder im Blick haben, die zu einem Patienten gehören“, so Arne Schmidt. Auch im Sinne dieser Patienten, da Therapieabbrüche auch an der Tagesordnung seien, weil keine oder keine angemessene Betreuung für die Kinder gewährleistet sei. Und mit Blick auf die Kinder ergänzt der Experte, dass eine kindgerechte Aufklärung der betroffenen Kinder zu dem Thema oft schon ein erster Schritt zur Entlastung sei.