Wenn die Stadt der Angst Raum gibt

Die Kampstraße in Herdecke bei spärlichem Licht.
Die Kampstraße in Herdecke bei spärlichem Licht.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Planer in Wetter und Herdecke haben einen Blick auf dunkle Ecken. Aber nicht immer reichen bauliche Änderungen, wenn Angst im Spiel ist.

Wetter/Herdecke..  Es sind die Szenen aus deutschen Krimis, die einem beim Thema Angst-Raum in den Kopf kommen. Die lange, dunkle Unterführung, hallende Schritte, der Schatten, der sein Opfer verfolgt. Großstadt-Grusel, der für Gänsehaut sorgt, den man aber kaum mit der Beschaulichkeit der eigenen Heimatstadt verbindet. Doch Angst kommt nicht nur in dunklen Ecken auf, Angst kann auch durch Leere, Unübersichtlichkeit oder andere Menschen erzeugt werden. Da wechselt man lieber die Straßenseite, weil sich eine lautstarke Gruppe auf dem Gehweg breit macht. Da vermeidet man den Weg über den großen leeren Platz, weil man sich wie auf dem Präsentierteller fühlt, da läuft man einen Umweg, weil hinter drei Ecken vielleicht etwas Unbekanntes steckt.

Zebrastreifen statt Tunnel

Angst ist subjektiv und doch ein Thema für die, die eine Stadt planen. Sie sind die ersten und die letzten, die sich mit Angst-Räumen auseinandersetzen müssen. Um sie zu vermeiden, oder um sie so zu verändern, dass niemand mehr Angst haben muss.

„Die ehemalige Unterführung am Herdecker Bach“ fällt Straßenplaner Andreas Schliepkorte sofort ein, wenn er das Stichwort Angst-Raum hört. Beim Bau des Tunnels war man froh, dem damaligen Angst-Raum Straße entgehen zu können. „Der Tunnel sollte die autofreie und somit sichere Überquerung der damaligen Bundesstraße möglich machen“, erinnert sich Schliepkorte. Geschaffen wurde ein Weg, den aber kaum jemand entspannt genutzt hat. Schummriges Licht, niedrige Decken und vor allem Dreck und Uringestank trieben die Menschen so schnell wie möglich durch den Tunnel. Inzwischen flanieren sie entspannt über Zebrastreifen, der Tunnel ist Geschichte, der Angst-Raum auch.

So weit ist Wetter nicht. Gleise lassen sich nicht mit Zebrastreifen queren. Da muss man drüber oder drunter her. Immerhin: Der Tunnel, der die Innenstadt von Alt-Wetter mit dem Ruhrufer und den Firmen Terex und Von Schaewen verbinden, sind breit, der Tunnel ist hell. Ganz sauber ist er nicht, Graffitis zieren die Wände. Wenige Meter weiter ist es die Bahnhofsunterführung, die viel eher Beklemmungen auslöst. Wenig Licht, der Weg führt um die Ecke, es stinkt nicht nur nach Urin. Ein Schandfleck – und ein Angst-Raum, vor allem in der Dunkelheit.

Wenige Meter weiter ist es das Parkhaus am Bahnhof, das vor allem Frauen nur ungern nutzen. Parkflächen auf begrenzten Raum zu schaffen, stellt Planer vor Herausforderungen. Und im Ergebnis gibt es Räume, die durch Säulen und Rampen geprägt sind. Im besten Fall über der Erde, problematischer wird es unter der Erde. „Ich bin froh, dass beim Bau des Quartiers an der Ruhraue auf eine Tiefgarage verzichtet worden ist“, sagt Daniel Matißik, Leiter des Planungsamtes Herdecke. Die Garage unter dem Rathausplatz sei zum Glück nicht ganz geschlossen, viele Nutzer würden die Zufahrt auch als Ausgang nutzen. Doch auch ein solches Bauwerk, mit verwinkelten und engen Ausgängen, würde heute vielleicht nicht mehr so geplant.

Dabei geht es gar nicht immer um die Frage, wie etwas gebaut ist. Das Parkhaus in Wetter ist vielfach unbeliebt, weil sich in den Treppenhäusern oft Gruppen treffen und dort auch schon mal eine Flasche kreist. „Das hat nichts mit Stadtplanung zu tun“, sagt Manfred Sell, Fachbereichsleiter Stadtplanung in Wetter, der auch den gut ausgeleuchteten neuen Seeplatz nennt, wenn es um das Thema Angst-Raum geht. „Da kann es eine Gruppe sein, die sich dort aufhält, die einem Einzelnen Angst macht.“ Mit einer Ordnungspartnerschaft zwischen Polizei, Jugendamt und Ordnungsamt versucht die Stadt, solchen Angst-Räumen zu begegnen. „Da schauen wir genau hin“, sagt Sell.

Platzverweise erteilen

Und wenn die Ansprache nicht hilft, kann man als Stadtplaner auch schon einmal zu einem Trick greifen, um aus einem Ort, den die Allgemeinheit meidet, wieder einen von allen nutzbaren öffentlichen Raum zu machen. Die Umwidmung in einen Spielplatz hat es der Stadt Wetter möglich gemacht, für ein kleines Plätzchen vor dem Bahnhof Platzverweise auszusprechen. Seit dem spielen hier Kinder, essen Mütter Eis oder entspannen die Marktkunden auf den Bänken. Die Trinker sind umgezogen.