Waldfee am Wochenende
18.03.2011 | 16:36 Uhr 2011-03-18T16:36:00+0100
Wetter.Sonja Catterfeld tummelt sich gerne zwischen Elfen, Orks und Magiern. Seit 13 Jahren ist Live Action Role Playing („LARP“, zu deutsch: Rollenspiel) ihr liebstes Hobby.
Es beginnt zu dämmern, seit Stunden streifen Endyja und ihre Begleiter auf der Suche nach einem verborgenen Schatz durch die Wälder. Gerade erst ist die Truppe einem bösartigen Dunkelelf entkommen... Solche und ähnliche Erlebnisse gehören für Sonja Catterfeld schon fast zum Alltag, denn die 29-jährige Gartenbautechnikerin aus Wetter ist leidenschaftliche Larperin. Mehrmals jährlich schlüpft sie für ein Wochenende in die Rolle von Endyja, einem phantastischen Waldwesen mit magischen Fähigkeiten. Dann trifft sie sich mit Gleichgesinnten zu einem „Con“, wie die Spieltreffen der Larper genannt werden. An einem Con nehmen in der Regel 100 bis 120 Spieler teil. Es gibt aber in Deutschland auch Großveranstaltungen mit bis zu 7 500 Teilnehmern. Auf jedem Con gibt es eine Spielleitung, die selbst nicht am Spiel beteiligt ist, sondern die Handlung in die Bahnen einer grob skizzierten Geschichte, des „Plots“, lenkt. Der Plot kann sich an Fantasy-Geschichten wie „Herr der Ringe“, „Harry Potter“ oder „Narnia“ orientieren, in der Regel ist er aber frei erfunden. In ihrer Interaktion sind die Spieler fast vollkommen frei.
Deshalb ist LARP im Grunde eine Mischung aus Rollenspiel und Improvisationstheater, bei der jeder Teilnehmer eine Figur mit bestimmten Eigenschaften und Fähigkeiten entwirft, die er dann selbst spielt. Sonja hat ihren Hauptcharakter Endyja schon vor vielen Jahren entworfen und spielt ihn fast ausschließlich.
Handlung legt Ziele und Ereignisse fest
„Ich finde, das passt ganz gut, weil ich mich auch im echten Leben viel mit der Natur befasse“, verrät sie und fügt hinzu: „Ich wollte außerdem unbedingt einen magischen Charakter spielen, weil man da am meisten Show machen kann.“
Trotz aller Freiheiten legt die vorgegebene Handlung Ziele und Ereignisse fest, die zu bestimmten Spielsituationen führen. Dazu gehören mitunter auch blutige Schlachten, die mit täuschend echt aussehenden Polsterwaffen geschlagen werden. „Wenn dann Spaziergänger vorbeikommen, kann das schon mal Verwirrung stiften“, weiß Sonja aus Erfahrung. Es sei sogar schon vorgekommen, dass Anwohner die Polizei alarmierten, weil sie die Waffen für echt hielten. Inzwischen sei LARP aber so bekannt, dass die meisten Leute nicht so erschrocken und verwundert reagierten, erklärt die 29-Jährige. „Die halten uns jetzt höchstens noch für merkwürdige Spinner“, sagt sie. Das allerdings stört Sonja und ihre Mitspieler überhaupt nicht. In der Realität gehen sie alle ganz normalen Berufen nach, viele von ihnen sind Akademiker. „Beim LARP finden sich vom Diplomingenieur über den Bauarbeiter bis hin zum Sozialpädagogen oder Manager Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen“, weiß Sonja und findet gerade diesen Aspekt besonders faszinierend: „Dort sind alle sehr tolerant und kontaktfreudig. Das Spiel steht im Mittelpunkt und jeder kann sich mit seiner Rolle einbringen.“
Als Sonja mit 16 Jahren zum ersten Mal ein Rollenspiel besuchte, war LARP noch nicht so weit verbreitet. Es wurde in Deutschland zwar seit Anfang der 1990er Jahre praktiziert, war aber trotzdem noch recht unbekannt. Eltern der Spieler und unbeteiligte Passanten konnten schwer nachvollziehen, was genau diese schwer bewaffneten und mittelalterlich gekleideten Trupps von Jugendlichen in den heimischen Wäldern trieben. „Unsere Eltern hatten damals Angst, wir könnten den Bezug zur Realität verlieren, aber als wir nach ein paar Cons auch nicht seltsamer waren als vorher, haben sie sich beruhigt“, lacht Sonja.
Verein „Esbornia“
auch für Einsteiger
Wenn die Wetteranerin heute zu einem Con loszieht, bedeutet das für sie ein Wochenende ohne jeglichen Luxus. Geschlafen wird meist in Zelten im Wald, gekocht wird über offenem Feuer. Strom und Handys haben in der fiktiven Welt nichts verloren, denn die Lebensart orientiert sich am Mittelalter. Trotzdem oder gerade deshalb empfindet Sonja das Spiel als echten Urlaub, denn „die Entschleunigung und der direkte Bezug zur Natur sind mit das Schönste.“
Um Interessenten einen Einblick in die Phantasie-Welt en gewähren zu können, hat Sonja Catterfeld mit einigen Freunden zusammen jetzt einen LARP-Verein in Wetter gegründet. „Esbornia“ ist ein gemeinnütziger Verein und soll bald auch Workshops für Einsteiger anbieten.
13:39
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